Workshop: Songlyrics, Teil 16

Als Songwriter steht man auf den Schultern von Giganten. Wer bessere Texte schreiben will, tut gut daran, sich mit den Lyrics seiner Vorgänger zu beschäftigen ... Ausgabe 09/2014

Diese Workshop-Folge wollen wir nutzen, um einen Text herauszugreifen und zu analysieren. Unsere Wahl ist auf „All Along the Watchtower“ von Bob Dylan gefallen. Die bekannteste Version des Songs lieferte Jimi Hendrix.

Ein Rockstandard unter der Lupe


„All Along the Watchtower“ besteht aus nur drei Strophen ohne Refrain. Hendrix füllt die Leerstellen, an denen normalerweise die Refrains stehen würden, mit Gitarrensoli. Aber auch ohne dieses Extra weiß der Song zu überzeugen – obwohl er auf den ersten Blick schlicht konstruiert ist. Dylan verwendet reine Reime, die sich sauber zu sogenannten Paarreimen fügen. Jede Zeile besteht aus zwei Abschnitten, die sich aus je fünf bis sechs Silben zusammensetzen. Zwischen den beiden Abschnitten gibt es jeweils eine kurze Pause. Auch Metrik und Form des Textes bleiben also simpel – was die einfache musikalische Struktur des Stücks widerspiegelt, die aus den sich ständig wiederholenden Akkordwechseln Am, G, F, G besteht. Schauen wir uns die erste Strophe an:

„There must be some way out of here, said the joker to the thief
There‘s too much confusion, I can‘t get no relief
Businessmen, they drink my wine, plowmen dig my earth
None of them along the line, know what any of it is worth“


Dylan setzt hier das rhetorische Stilmittel der Anapher ein. Genauer: Das erste Wort der ersten Zeile wiederholt sich in der zweiten („There“). Außerdem arbeitet er in der dritten Zeile mit einem Parallelismus („Businessmen“ … „Plowmen“). Ob man die Begriffe „Joker“ und „Thief“, die Dylan verwendet, wörtlich nehmen oder als Metapher beziehungsweise Allegorie zu verstehen hat, lässt sich an dieser Stelle noch nicht entscheiden. Ähnliches gilt für die Wendungen „Drink my wine“ und „Dig my earth“ (die, nebenbei bemerkt, beide über den gleichen Anlaut verfügen und damit Alliterations-Charakter haben). Eines ist aber schon jetzt klar: Wir haben es mit einem hochpoetischen Text zu tun. Narr („Joker“) und Dieb („Thief“) sind archetypische Charaktere, die seit Jahrtausenden in zahlreichen Mythen, Märchen und Parabeln Verwendung finden. Ein Zeichen für den Hörer, dass dieser Text mit Bedeutung aufgeladen ist, die weit über die im Grunde sehr einfache Sprache hinausgeht.


Beachtenswert ist zum einen, dass Dylan uns mit der ersten Zeile seines Textes mitten in ein Gespräch versetzt. Zwei Figuren sprechen miteinander – von denen eine, der Narr, offenbar nach einem Ausweg aus einer Situation oder Örtlichkeit sucht. Hierdurch erzeugt Dylan Spannung ...