Workshop: Songlyrics, Teil 14

In welcher Person ein Song geschrieben wird, entscheiden viele Songwriter intuitiv. Es lohnt dennoch, ein sicheres Gespür dafür zu entwickeln, und die Erzählperspektive bewusst zu wählen ... Ausgabe 07/2014

Sobald wir Songlyrics hören, hören wir auch die Stimme eines Erzählers. Ob wir in einem Text eine echte Geschichte erkennen können, spielt dabei gar keine Rolle. Auch hinter Nonsens vermuten wir doch fast immer Bedeutung und damit auch jemanden, der sich zumindest mittelbar an uns wendet. Und selbst wenn ein Songwriter uns, sagen wir, einen zufällig gewählten Ausschnitt des Berliner Telefonbuchs darbietet: Instinktiv versucht man, eine Nachricht aus den Lyrics herauszulesen – und somit auch eine Erzählstimme. Die Frage „Was will uns der Text sagen?“ führt beinah unweigerlich zu der Frage: „wer spricht?“

Letzteres scheint dabei vielleicht erst einmal von geringer Bedeutung. Schließlich ist es – so könnte man meinen – was die pure Information eines Textes betrifft nicht von Bedeutung, wer uns selbige mitteilt. Ob Emma oder Hannah uns erzählt, dass Angela Merkel die derzeitige Bundeskanzlerin ist, hat mit dem Fakt an sich nichts zu tun. Wahr ist dieser Satz ganz unabhängig davon, wer ihn sagt. Genauer betrachtet macht es allerdings sehr wohl einen Unterschied, wem wir eine bestimmte Aussage zuschreiben. Denn wie schaut es etwa mit folgendem Satz aus: „Ich bin Bundeskanzlerin.“ Diese Aussage können wahrheitsgemäß zum aktuellen Zeitpunkt weder Emma noch Hannah treffen, sondern nur Angela Merkel. Das mag nun alles recht theoretisch klingen, es hat in letzter Konsequenz jedoch auch für Songwriter große Auswirkungen. Denn die Wahl der grammatischen Person – und so letztlich der Erzählperspektive – kann entscheidend für die Wirkung eines Songtextes sein ...