Workshop: Songlyrics, Teil 12

Im zwölften Teil unseres Lyrics-Workshops erfahrt ihr,

wie man klug mit Kontrasten arbeitet ... Ausgabe 05/2014

Mit folgendem Satz beginnt Ernest Hemingway seine brillante Short-Story „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber“:

Es war jetzt Essenszeit, und sie saßen alle unter dem doppelten grünen Sonnendach des Speisezeltes und taten, als sei nichts passiert.

Bewundernswert ist zum einen, wie es Hemingway gelingt, auf kleinstem Raum bildlich eine Szene zu skizzieren. Als meisterlich sticht aber vor allem heraus, wie der letzte Teil des Satzes gesetzt wurde. Genauer: die Art, mit der Spannung erzeugt wird. Denn selbstverständlich fragt man sich als Leser, was da passiert sein kann, von dem so getan wird, als sei es nicht geschehen? Wovon wird geschwiegen? Damit der Satz seine volle Wirkung entfaltet, ist es entscheidend, dass zunächst die recht idyllisch anmutende Szenerie geschildert wird, und erst dann die Information folgt, es sei etwas – vermutlich gewichtiges – geschehen. Kurz: Auschlaggebend ist der Kontrast zwischen beschaulicher Atmosphäre und unterschwelligem Unheil.

Klug Kontraste zu setzen, zahlt sich nicht nur für Schriftsteller aus, auch in Liedtexten kann dieses Mittel sehr wirkungsvoll sein. Nicht zuletzt, wenn es gilt, einen Text zu überarbeiten. Jeder Songwriter kennt die Situation: Man hat Lyrics für ein Stück geschrieben, aber irgendetwas stimmt nicht – die Zeilen wirken fad, es fehlt an Spannung. Inhaltlich greift eigentlich alles gut ineinander, das Thema an sich scheint einem aufregend genug. Aber trotzdem weiß man, dass der Text beim Hörer kein wirkliches Interesse hervorrufen wird. In solchen Fällen lohnt es sich, zu überprüfen ob der Text ausreichend Kontraste bietet ...