Vanguard Audio Labs V1 & V4

Wir haben das flexible Kleinmembran-Studiomikrofon V1 und das Großmembranmikrofon V4 von Vanguard getestet. Wie sich die beiden bezahlbaren Kandidaten aus der kalifornischen Mikrofon-Edelschmiede in unserem Teststudio geschlagen haben, erfahrt ihr hier.

Als erfahrener Studio-Inhaber weiß man, dass man nie zu viele Mikrofone haben kann. Jedes Mikrofon hat seine eigene Charakteristik, die sich in Verbindung mit dem jeweiligen Preamp auf die Aufnahme auswirkt. Das Ziel, den Frequenzbereich möglichst linear abzubilden, erreichen fast alle professionellen Mikrofone. Es gibt aber klanglich relevante Unterschiede, abhängig von den Bauteilen und Bauarten der Mikrofone.

Deshalb ist es oft ein langwieriger Prozess, das für die Signalquelle ideale Mikrofon zu finden. Wer gerade ein Studio (nicht nur Home-Recording) aufbaut oder nach einer flexiblen, aber doch professionellen Mikrofonlösung Ausschau hält, sollte diesen Test besonders aufmerksam lesen.

Das Vanguard V1 ist durch seine wechselbaren Kapseln sehr flexibel einsetzbar: Mit dem liebevoll als „Lolli“ bezeichneten V34C-Aufsatz kann es in ein Großmembranmikrofon verwandelt werden. Interessant ist auch das V1S-Stereo-Set, in dem zwei aufeinander abgestimmte V1 Mikrofone enthalten sind.

Aber auch das Vanguard V4 Großmembranmikrofon bietet durch eine schaltbare Änderung der Charakteristik sowie einer -10 dB-Pad-Dämpfung diverse flexible Einsatzmöglichkeiten.
Der kalifornische Hersteller Vanguard Audio Labs hat uns freundlicherweise die beiden Mikrofonmodelle V1 und V4 für einen Langzeittest zur Verfügung gestellt. Wir haben sie für euch genau unter die Lupe genommen.

Vanguard: Blick für das Detail

Die Mikrofon-Sets sind aufwändig verpackt und zeigen, mit wie viel Liebe zum Detail bei Vanguard Audio Labs gearbeitet wird. Trotz der schaumstoffgepolsterten Auskleidung der sauber verarbeiteten Holzbox sind das V1-Mikrofon mit montiertem „Lolli“-Aufsatz, die gefederte Stativ-Aufhängung sowie die vier Kleinmembran-Wechselkapseln einzeln in Klarsichtfolie verpackt und so vor Feuchtigkeit geschützt.

Die Kapseln für das V1 bieten die Charaktere Niere, Super-Niere, weite Niere und Kugel. Ein Warnhinweis erinnert nochmals eindringlich, die Kapseln beim Austausch nur seitlich zu berühren. Man sollte keinesfalls von oben oder unten direkt auf die sehr dünne Membran fassen.

Das V4-Set wird in einem dunkelgrauen Hartschalen-Case geliefert. Dieses ist ebenfalls schaumstoffgefüttert, mit Aussparungen für die gefederte Stativaufhängung. In einem zusätzlichen, ebenfalls schaumstoffgefütterten Holz-Case befindet sich das V4-Großmembranmikrofon. So kommen die Mikrofone garantiert unbeschädigt am Bestimmungsort an und sind auch im Studio-Alltag immer gut geschützt aufbewahrt.

Edles Design und schlichte Funktionalität

Sowohl der schmale Schaft des V1-Kleinmembran-Kondensatormikrofons als auch der etwas dickere Schaft des V4-Großmembran-Kondensatormikrofons sind in einem dunklen Weinrot lackiert. Die weiß gedruckte Beschriftung der Schalter ist darauf sehr gut lesbar.

Einzige Zierde ist bei beiden Modellen das rotgrundige „V“-Logo mit den silbern glänzenden Flügeln, welches auch die Vorderseite der Mikrofone kennzeichnet. Die gesamte Hardware sowie die Schutzgitter sind silbern beziehungsweise verchromt. Lediglich die Vorderseite des Vanguard V1-Lolli-Aufsatzes hat ein vergoldetes Schutzgitter, was dem ganzen Mikrofon einen sehr wertigen Charakter verleiht. Gleichzeitig verhindert es, dass man Vorder- und Rückseite verwechselt.

Ein weiteres Erkennungsmerkmal beim Lolli ist die vertikale Verstrebung der Frontseite gegenüber der horizontalen Verstrebung auf der Rückseite. Beide Modelle lassen sich schnell und problemlos in ihren jeweiligen Stativspinnen montieren, die Stativgeräusche sehr gut isolieren.
Dass Vanguard nicht an Qualität spart, wird auch an den vergoldeten Pins der XLR-Ausgangsbuchsen deutlich, die nachweisbar den besten Kontakt und Korrosionsschutz bieten.

Vanguard V1: besticht durch Wandelbarkeit

Um ein möglichst neutrales Testumfeld zu schaffen, haben wir alle Mikrofone direkt an unser Studiomischpult, ein Soundcraft-Spirit-Studio-24/8/2, angeschlossen. Dabei haben wir darauf geachtet, dass alle EQs in neutraler Einstellung waren. Über den „Direct Out“ jedes Kanalzugs ging es direkt in ein MOTU 24 I/O zur AD-Wandlung und dann in den Studio-Rechner. Sicher kann man durch Vorschaltung eines hochwertigen Preamps noch mehr aus den Mikrofonen herauskitzeln, aber das würde das Testergebnis dann doch zu sehr verfälschen.
In unserem Langzeittest haben wir das Vanguard V1 mit den jeweils optimalen Kapseln als Drum-Overhead, als HiHat- und als Snare-Drum-Mikrofon eingesetzt.


Technische Daten Vanguard Audio Labs V1

  • Produkttyp: Kleinmembran-Kondensatormikrofon
  • Kapsel: 4 verschiedene 22 mm Wechselkapseln und V34C-Großmembran-Lolli-Aufsatz (34 mm)
  • Ausgangsimpedanz: 200 Ohm
  • Betriebsspannung: 136 dB SPL
  • Max. Schalldruck: 2
  • Frequenzgang: 20 Hz - 20 kHz
  • Rauschpegel: <15 dB (A-bewertet)
  • Ausgang: XLR-Buchse mit vergoldeten Pins
  • Abmessungen (Mikrofon): 133 mm lang mit 22 mm Durchmesser
  • Gewicht (Mikrophon): 130 g (mit kleiner Kapsel)
  • Gewicht (mit Transportkoffer): 5,3 kg
  • Besonderheit: in verschiedenen Sets und Konfigurationen lieferbar

Auch bei der Abnahme anderer Instrumente, wie etwa eines Gitarrenverstärkers oder diverser Percussion-Instrumente, machte das Vanguard V1 eine sehr gute Figur. Die Stärke der Kleinmembrankapseln liegt eindeutig in einer sehr klaren und durchsichtigen Abbildung des oberen Frequenzspektrums und einer hervorragenden Auflösung der Mittenfrequenzen. Im direkten Vergleich zum Beispiel zu einem Neumann KM184 klingt das V1 etwas wärmer und nicht so steril. Das ist jedoch nur mein subjektiver Eindruck, den ich nicht mit Messkurven belegen kann.

Da jedes Studio für Stereo-Live-Aufnahmen ein eingemessenes Stereo-Pärchen dieser Kleinmembran-Kondensatormikrofone im Archiv haben sollte, würde ich auf alle Fälle das V1S-Stereo-Set empfehlen. Ob man den Lolli-Aufsatz zweimal haben will, muss jeder selbst entscheiden. Beim Test des V1 mit montiertem Lolli-Aufsatz haben wir uns auf Vocal-Aufnahmen beschränkt. Da die meisten Großmembranmikrofone einen Kapseldurchmesser von 1'', (zirka 2,5 Zentimeter) haben, ist die Kapsel des V34C-Lolli-Aufsatzes mit ihren 34 Millmeter Durchmesser wirklich „groß“. Zusammen mit dem sehr niedrigen Grundrauschen des Mikrofons und der Empfindlichkeit der großen Membran bekommt man so ein Vocal-Mikrofon der besonderen Güte. Es fängt wirklich jede Nuance und jedes Atemgeräusch mit ein. Insbesondere weibliche Stimmaufnahme bekommen dadurch Gänsehaut-Intensität. Mit dem Lolli-Aufsatz wirkt und verhält sich das V1 wie ein vollkommen anderes Mikrofon.

Studio-Großmembraner Vanguard V4

Wer kein Tüftler ist und auf der Suche nach einem verlässlichen, flexibel einsetzbaren Großmembran-Studiomikrofon, legen wir das Vanguard V4 ans Herz. Die übergroße 34 mm Kapsel fängt auch die leisesten Geräusche und Stimmfarben sauber ein und das bei einem minimalen Eigenrauschen.

Je nach Einsatzgebiet des Mikrofons kann sowohl dessen Charakteristik (Kugel, Acht und Niere), als auch seine Empfindlichkeit (-10 dB-Pad) nachjustiert werden. Somit kommt es auch mit sehr lauten Signalquellen, wie zum Besipiel  einem E-Gitarren-Lautsprecher, zurecht und übersteuert nicht. Beim Vergleichstest mit einem Neumann TLM103 (das ja bekanntlich die Kapsel des Klassikers U87 hat und bei dem lediglich die Elektronik beziehungsweise die Wahlschalter reduziert wurden) bestätigte sich der Eindruck wieder, dass das V4 wesentlich wärmer und voller klingt, als das teurere Neumann-Mikrofon.

Leider sind solche Klangeindrücke immer sehr subjektiv und von den Ohren des Testers abhängig. Deshalb mein Rat: Am besten im eigenen Umfeld oder Studio selbst ausprobieren und dann erst eine Entscheidung treffen. Übrigens, das V4-Modell wird auch als V44S in einer Stereo-Version angeboten. Ideal für Livemitschnitte!


Technische Daten Vanguard Audio Labs V4

  • Produkttyp: Großmembran-Kondensatormikrofon
  • Kapsel: 34 mm-Großmembran-Kapsel
  • Ausgangsimpedanz: 200 Ohm
  • Betriebsspannung: 48 V Phantomspeisung
  • Max. Schalldruck: 135 dB SPL (145 dB mit Pad)
  • Frequenzgang: 20 Hz - 20 kHz
  • Rauschpegel: <=14 dB (A-bewertet)
  • Ausgang: XLR-Buchse mit vergoldeten Pins
  • High Pass Frequenz: 120 Hz
  • PAD-Dämpfung: -10 dB
  • Gewicht (Mikrophon): 380 g
  • Gewicht (mit Transportkoffer): 2,6 kg

Vanguard V1 und V4: Fazit und Testergebnis

Beide Kondensatormikrofonmodellen V1 und V4 sind hochprofessionelle Mikrofone mit sehr guten Klangeigenschaften. Das V1 mit den Wechselkapseln ist ein typisches Kleinmembran-Kondensatormikrofon mit allen typischen Einsatzbereichen. Durch den V34C-Lolli-Aufsatz kann es in ein vollwertiges Großmembran-Kondensatormikrofon verwandelt werden.

Das V4 hingegen ist ein Großmembran-Kondensatormikrofon, bei dem die Charakteristik umgeschaltet und die Empfindlichkeit um -10 dB runtergedämpft werden kann. Das macht auch dieses Mikrofon universell einsetzbar. Vanguard-Mikrofone sind die erste Wahl von Studios, die ihr Budget im Auge haben. Sie bieten:

  • eine hohe Flexibilität der Mikrofone
  • eine hohe Qualität der Bauteile
  • ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis

Denkt immer daran: Nur was die Ohren hören, können die Lautsprecher auch wiedergeben. Wer an Mikrofonen spart, hat schon verloren.


Vanguard Audio Labs V1 und V4 im Überblick

Bewertung Vanguard Audio Labs V1

  • Kleinmembran Kondensatormikrofon +
  • Inklusive 4 Kapseln (Kugel. Hyperniere, Breite Niere und Figur 8) +
  • Optional mit V34C Lolli Großmembran Kapsel mit schaltbarer Chrakteristik +
  • Optional als selektiertes Stereopaar lieferbar +
  • Inklusive elastischer Aufhängung +
  • 5 Jahre Herstellergarantie +

Bewertung Vanguard Audio Labs V4

  • 34mm Großmembran Kapsel +
  • 3 Richtcharakteristiken wählbar +
  • Elektronisch symmetrische Schaltung +
  • Ultra Low-Noise FET-Design +
  • Inklusive Transportkoffer und elastischer Halterung +
  • 5 Jahre Herstellergarantie +