Story: Shinedown

Mit ihrem neuen Album Attention Attention legen die US-Rocker von Shinedown eine Platte vor, die sich dem Thema persönliche Krise widmet. Wir durften Sänger Brent Smith für ein SOUNDCHECK-Interview treffen.

An persönlichen Krisen hat es vor allem Shinedown-Frontmann Brent Smith in der Vergangen­heit nicht gemangelt. Seine Sucht nach ­Kokain, Alkohol und Schmerzmitteln machte dem US-Amerikaner lange das Leben schwer. Mittlerweile ist Brent trocken. Das Thema, mit dem er sich auf der neuen­ Shinedown-Platte befasst, kann sicher auch ein Stück weit als Beschäftigung mit seiner eigenen Vergangenheit ­gesehen werden. 

SOUNDCHECK: Brent, ist Attention Attention ein klassisches Konzeptalbum?

Brent Smith: Nun, unser erster Gedanke war, dass es ein Konzeptalbum werden sollte. Wir nennen es aber jetzt ein Story-Album. Es geht eher um Details in den Emotionen, die das Album zusammenhalten, nicht um Namen ­bestimmter Charaktere oder Orte, Plot-Twists und so weiter. Wenn ich an Konzeptalben denke, dann fallen mir The Wall von Pink Floyd, Tommy von The Who oder sogar Queensrÿches Operation Mindcrime ein. So etwas ist ­Attention Attention eben nicht.

SC: Auf jeden Fall gibt es auf dem Album aber einen musika­lischen und thematischen Spannungsbogen …

Smith: Das hoffe ich, denn das war der Plan (lacht). Man durchfährt als Hörer eine Menge Gipfel und Täler … Eine emotionale Achterbahnfahrt. 

SC: War es schwierig, diesen Spannungsbogen zu kreieren?

Smith: Nein. Die ganze Produktion ist uns leicht gefallen. Das hat sicher auch damit zu tun, dass wir in der Vergangen­heit so großartige Lehrer hatten – Produzenten wie Rob Cavallo etwa. Deswegen konnten wir jetzt selbst produzieren. Ich glaube, wir vier hatten noch nie eine so tolle Erfahrung beim Musikmachen. Was vor allem daran lag, dass wir diesmal genau wussten, was wir wollten. Eric, unser Bassist, hat dann das Steuer schließlich in die Hand ­genommen und sich für die Produktionen sowie den Mix ­verantwortlich gezeichnet.

 

SC: Welches Thema zieht sich aus deiner Sicht hauptsächlich durch das Album?

Smith: Am Ende ist das vermutlich die Erkenntnis, dass man keine Angst haben darf, zu versagen. Tat-sache ist, dass, wenn du dich im Leben in eine Ecke drängen lässt, du da ohne Kampf nie wieder herauskommen wirst. Wer immer Angst davor hat, nicht zu schaffen, was er anfängt, wird seine Ziele auch nicht erreichen. Man versagt im Leben nun mal oft. Daran lässt sich gar nichts ändern. Man muss nur im Hinterkopf den ­Gedanken behalten, dass es, selbst wenn man versagt, eben nicht bedeutet, dass man aufhören sollte. Manchmal braucht es halt drei, vier oder noch mehr Versuche, bevor etwas gelingt. Irgendwann gewinnt man dann aber automatisch. Ich glaube nicht, dass sich ­Menschen durch ihre Misserfolge definieren. Was einen auszeichnet, sind all die Male, in denen man nicht aufgegeben hat. Man muss auch verletzbar sein können, wenn man ein Anführer sein will. 

SC: Dafür braucht man dann aber vor allem eine gute Portion Selbstvertrauen, oder?

Smith: Ja, und man hört zum Beispiel auf der Platte den Wechsel der eintritt, wenn der Protagonist sein Selbstvertrauen wieder aufbaut. Das ganze Album findet ja ­sozusagen in einem Raum statt. Zuerst hört man nur den Puls einer Maschine, fast wie ein Herzschlag. Dann klopft es an der Tür und die Tür öffnet sich. Der Protagonist tritt ein, setzt sich, atmet ein und aus – und der erste Song Devil beginnt. Das ist der Punkt, an dem die Reise ­anfängt. Es geht mir darum, dass der Hörer sich so fühlt, als würde er in diesem Raum sitzen. Das ist notwendig, um wirklich zu verstehen wo der Fokus des Albums liegt. Die Person, um die es auf dem Album geht, wühlt sozusagen psychologisch im Dreck. Um aus diesem Zustand wieder herauszu­kommen, gilt es, sich einer ganzen Reihe von ­Situationen zu stellen – und vor allem auch sich selbst.

SC: Eric soll anfangs 22 Songs geschrieben haben, von denen dann aber fast keiner auf dem Album gelandet ist. Stimmt das?

Smith: Wir haben eigentlich gar keinen dieser Songs ­benutzt. Der Synth am Anfang von Brillant ist das einzige Stück Musik, das aus dieser Phase noch übrig geblieben ist. Doch jetzt kommt das große Aber: Wenn es diese 22 Kompositionen nicht gegeben hätte, wäre die Idee, ein konzeptuelles Album zu machen, gar nicht geboren worden. Als ich die Songs hörte – und es handelte sich ­übrigens ausschließlich um Instrumentals – fiel mir auf, dass es da einen Faden gab, der die Stücke verband. Daraus entstand die Idee, diesmal etwas anderes zu machen. Also nicht 100 unabhängige Songs zu schreiben und davon die zehn besten auszusuchen.

SC: Diese 22 Stücke waren demnach dann mehr oder minder bloß Inspiration?

Smith: Lass es mich so ausdrücken: Diese Songs waren der Weg des Universums, uns Hinweise dafür zu geben, was wir machen sollen. 

SC: Habt ihr eigentlich auch mit Musikern oder Songwritern ­außerhalb der Band gearbeitet?

Smith: Wir haben nur mit zwei Leuten außerhalb der Band kooperiert, und das waren auch zwei Personen, mit denen wir vorher schon viel gemacht haben. Dave Bassett arbeitet seit The Sound of Madness mit uns. Er ist so etwas wie das fünfte Bandmitglied. An Special und Evolve haben Zach und ich außerdem mit Scott Stevens gearbeitet.

SC: Das Engineering fiel dann aber auch noch in andere Hände?

Smith: Ja. Ungefähr drei Wochen bevor wir mit den Schlagzeugaufnahmen anfangen wollten, sagte Eric zu mir: „Ich frage mich, was Doug McKean gerade macht?“. Doug war sowohl für The Sound of Madness als auch für Amaryllis unser Engineer. Wir riefen Doug dann in Los Angeles an und er sagte uns, dass er in einer Woche mit seinem aktuellen Projekt fertig wäre. Er war sofort bereit, nach Charleston, South Carolina zu kommen, um mit uns Attention Attention zu machen. Doug blieb dann
zwei­einhalb Monate bei uns. Es ist übrigens nicht so gewesen, dass Eric nicht auch noch das Engineering hätte über­nehmen können. Aber er brauchte noch die Ohren einer weiteren Person, um eine andere Perspektive zu haben. Ich finde, das beweist Integrität. Und am Ende war dieEntscheidung, Eric das Album produzieren zu lassen, vermutlich­ das Schlaueste, was wir je gemacht haben. Wenn du Doug McKean fragst, wird er dir auch bestätigen, dass wir bei der Arbeit an dieser Platte total fokussiert waren.­ Es wurde nichts im Nachhinein angezweifelt. Eric lief nicht den ganzen Tag herum und fragte: „Was denkst du? Was würdest du da machen?“. Wobei … versteh mich nicht falsch: Die Leute haben schon immer gesagt, wenn es um die Beziehung zwischen Eric und mir beim Produzieren geht: „Du bist das Seil an Erics Füßen, das ihn ­wieder aus dem Hasenbau zurückholt, in dem er verschwinden kann.“ Aus all diesen Gründen klingt das ­neue Album eben nicht so, als wäre es in einer Fabrik produziert worden, sondern aus meiner Sicht sehr organisch. 

 

SC: Du hast gerade das Thema Fokus angesprochen. Was ­sicherlich auch ein wichtiger Faktor ist, wenn es um das Meistern persönlicher Krisen geht – und dabei wären wir dann wieder beim Konzept von Attention Attention  …

Smith: Ja, denn am Ende des Tages kann man vor der ganzen Frustration nicht weglaufen. Das ist etwas, worum man sich kümmern muss. Man muss zentriert und fokussiert sein. Ein Schlüssel zum Lösen von Problemen besteht darin, bewusst zu handeln. Was dann wiederum auch ein Grund dafür war, warum es sich so einfach gestaltete, diese Platte aufzunehmen. 

SC: Und dann ist vielleicht sogar Zeit um zu experimenten, oder?

Smith: Genau, und das ist auch eine Sache, die Eric auszeichnet. Er weiß zwar jede Menge über die technischen Hintergründe des Produzierens, aber er tut nie etwas nur deshalb, weil es der Weg ist, den das Handbuch vorgibt. Es wird nicht nach Zahlen gemalt. Es kümmert ihn überhaupt nicht, wenn ihm jemand sagt, dass etwas gut klingt, wenn man genau die Schritte A, B und C befolgt. Für ihn ist wichtig, wie etwas klingt, nicht wie man dahingekommen ist. Eric interessiert, was am Ende aus den Lautsprechern kommt. Und dabei entstehen dann so geile Sachen wie zum Beispiel einige der Sub-Drops und Low-End-Parts auf dem Album. Eric hat sein eigenes Studio in einer Lager­halle mit fast sechs Meter hohen Wänden. Dort hat er sich eine riesige Garagentür installieren lassen, die sich herunter­klappen lässt – einfach, weil ihm der Sound ­gefällt, den er so per Stereo­mikrofonierung herausholen kann. Er schlägt mit einem Drum-Schlegel auf die Tür und ­erzeugt dadurch einen Sound, der die Lücken in einer Aufnahme füllen kann, wenn man ihn unter die Kickdrum mischt. Er hat aber kein Sound-Replacement gemacht. Alle Drums, die man auf dem Album hört, sind echt.

SC: Habt ihr auch beim Gesang etwas Neues ausprobiert?

Smith: Weißt du, neulich hat jemand Eric gefragt, was er mit mir gemacht hat, um mich so klingen zu lassen, wie ich auf Attention Attention klinge. Er sagte nur: „Ich habe gar nichts getan. Das, was Brent so stark macht, nennt man ’nüchtern sein‘.

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