Story: Dream Theater

Einen Sinn für virtuos Großformatiges hatten Dream Theater schon immer.

Mit „The Astonishing“ legen die Prog-Metaller nun noch mal eine Schippe drauf und veröffentlichen eine waschechte Rock-Oper.

SOUNDCHECK: Würdet ihr der Aussage zustimmen, dass „Rock-Oper“ euer neues Album treffend beschreibt?

Jordan Rudess: Ich denke, das passt. Weil es eine sehr detaillierte Story mit vielen Charakteren ist. Unser erstes Anliegen ist natürlich, ein großartiges Rock-Album zu machen. In welche Richtung sich „The Astonishing“ dann noch entwickelt, werden wir sehen. Wir fänden es super, wenn daraus später ein Buch, ein Film oder ein Musical wird. All das wäre ja möglich. Und wenn es jemand „Rock-Oper“ nennen möchte – prima!

SC: James, in „The Astonishing“ treten verschiedene Figuren auf, denen du dann wortwörtlich eine Stimme verleihen musstest …

James LaBrie: Stimmt, es gibt acht Charaktere, von denen sieben gesungen wurden. Es war meine Aufgabe, diese Figuren zum Leben zu erwecken.


SC: Hast du dafür eine bestimmte Methode angewandt?

LaBrie: Ja, wobei das eine Methode ist, die ich schon so gut wie mein ganzes Leben nutze. Es geht zuallererst darum, die Storyline zu verstehen. Zweitens muss man sich mit den Lyrics befassen, die jede Figur zu singen hat, um eine Idee und ein Gefühl davon zu bekommen, wie man den Text am besten ausdrückt – mit der passenden Emotion für die jeweiligen Zeilen. Am wichtigsten ist aber auf jeden Fall, zu wissen, von welchem Punkt die Geschichte der Figuren ausgeht und wo sie schließlich endet. Besonders gilt das selbstverständlich für die Hauptrollen. Man sollte darauf achten, facettenreich zu arbeiten, um das Interesse des Hörers zu halten.

SC: Es gibt ja durchaus einige Beispiele, wo man nicht so sehr darauf geachtet zu haben scheint, dass die emotionale Komponente des Gesangs zur Handlung passt. Auf dem ersten „Jesus Christ Superstar“-Album ist da meines Erachtens zum Beispiel einiges schief gegangen …

Rudess: Das ist ein interessanter Punkt. Wir waren sehr darauf aus, so etwas zu vermeiden. Und James hat zum Glück die Fähigkeit, Stimmungen gesanglich perfekt umzusetzen. Dieses Album ist, was das angeht, eine Tour de Force.

LaBrie: Definitiv. Um dir ein gutes Beispiel zu geben: Normalerweise versuche ich etwa, wenn ein Part von der Musik her sehr aggressiv ist, mit ein bisschen Reibeisen-Charakter in meiner Stimme zu arbeiten und fast zu brüllen. Bei „The Astonishing“ gab es aber Momente, in denen die Aggressivität von einer weiblichen Figur ausging. Da hätte das Reibeisen-Ding nicht funktioniert. Ich musste umdenken und mich fragen: Wie würde eine Frau hier reagieren und sich ausdrücken? Was ich damit sagen will, ist, dass es immer darum ging, meine Performance gut zu durchdenken und notfalls auch nach den Takes noch einmal umzudenken.