Special: Keyboard-Klassiker

Es gibt Musikinstrumente, die sind im wahrsten Sinne des Wortes „bedeutend“. Sie haben nämlich etwas zu bedeuten. Die Sounds der Tasteninstrumente werden nicht assoziationsfrei gehört. Sie erinnern oft an etwas, sie verweisen auf etwas, sie stehen für etwas. Befassen wir uns ein wenig mit diesen Instrumenten – damit wir wissen, was wir mit ihnen zum Ausdruck bringen.

In der Popmusik gibt es die verschiedensten Dinge, die etwas bedeuten können – die Klamotten, die Frisur, die Attitüde, und natürlich auch immer die Instrumente. Unsere Besprechungen von E-Gitarren etwa wären ziemlich kurz, wenn es nicht etwas zu sagen gäbe über die Referenzen zu Gitarristen, zu Stilen oder zu Songs, die im Instrument drinstecken. 

Wenn wir mit programmierbaren Synthesizern, Digitalpianos, Workstations oder auch Software-Instrumenten in der DAW arbeiten, begegnen uns Preset-Namen, die andeuten was sich der Sound-Designer dabei gedacht hat und welches Originalinstrument hier emuliert wird. „Wurli“, „Electric Grand“, „Drawbars“, „Mk I“, „Lucky Man“: Diese Namen stehen für Ikonen, die eine ganz bestimmte Spielweise erfordern, damit auch der Hörer, zumeist unbewusst, versteht, was gemeint ist. Die Hammond-Orgel auf der Bühne eines Rockkonzerts ist eine Ikone, bei der man unweigerlich an Bands der großen Ära von Deep Purple oder Uriah Heep denken muss. Wenn man mit einer Keyboard-Workstation einen Hammond-Sound spielt, verweist das auf solche Bands. Dieser Sound ist dann ein Symbol – wenn man ihn „richtig“ spielt. Auch der Name eines Presets, beispielsweise „Drawbars“, ist ein Symbol: Man muss gelernt haben, dass dieses Wort die Zugriegel einer Orgel benennt, mit denen man den Sound der Orgel buchstäblich mischt.

Die Hammond B3

Die verschiedenen Modelle der Hammond-Orgel unterscheiden sich hinsichtlich ihrer elektromechanischen Klangerzeugung so wenig, dass man provokativ lügen könnte: „Es gibt nur ein einziges Modell“. Das ist insofern erwähnenswert, als dass die Klangerzeugung der Hammond einige Seltsamkeiten und Auffälligkeiten bietet, von denen man meinen möchte, dass sie im Zuge der Modellpflege ausgemerzt gehört hätten. Tatsächlich tragen diese eher bizarren Merkmale aber eben gerade zur Beliebtheit und Besonderheit des Instruments bei. Die Hammonds der Baujahre 1935–1975 waren elektromechanische Orgeln, das heißt: Die Klangerzeugung beruht tatsächlich auf bewegten Teilen, so genannten Tonewheels (quasi „magnetisierten Zahnrädern“) auf rotierenden Achsen, angetrieben von einem elektrischen Motor und letztendlich von Induktionstonabnehmern abgenommen. Das Prinzip erinnert an eine Lochscheibensirene, jedoch elektrisch und eben nicht „elektronisch“, was bei Musikinstrumenten „ohne bewegte Teile“ bedeutet. Diese in riesengroß schon beim Telharmonium (1896) verwendeten Tonradgeneratoren erzeugen ziemlich saubere Sinus-Audio-Signale, die als Grund- und Obertöne der georgelten Noten „gemultiplext“ werden. Multiplex heißt schon im akustischen („Kirchen“-) Orgelbau, dass eine gegebene Pfeife sowohl für sich als Ton stehen kann, als auch als Oberton eines tieferen Tons in einem Mixtur-Register abgerufen werden kann. 

Ein zweigestrichenes g etwa kann für sich genommen das „hohe g“ sein, es kann aber auch (gemeinsam mit einer oder mehrerer weiterer Pfeifen) der dritte Partialton eines eingestrichenen c mitklingen, wenn man das entsprechende Mixtur-Register gezogen hat. Diese mehrfache Dienstverpflichtung der Pfeifen bedeutet aber, dass ein Klingen dieser Pfeife in verschiedenen Manualen einmal als hohes g, dann als Mixturton eines tiefen c klingen kann. In hohen Oktavlagen der Tastatur werden die höchsten Obertöne herunter oktaviert. Was durchaus sinnvoller ist als Hundepfeifen zu bauen, die nur noch Ultraschall können. So ist es auch bei der Hammond: Vielstimmiges zweimanualiges Spiel wird nicht in dem Maße lauter, wie wenn man einen Orgel-Sound auf einem Standard-Digitalpiano spielt, welches auf Sampling basiert. Dort addiert und transponiert sich alles, ohne Besonderheiten. 

Orgeln sind nie anschlagsdynamisch spielbar, auch wenn manchmal mehrere Kontakte für verschiedene Register an einer Taste liegen, die nicht genau gleichzeitig schließen. Der Pegel des klingenden Tons bleibt immer gleich und reißt abrupt ab, wenn die Taste losgelassen wird. Die Einstellung „Attack 0, Sustain 100 %, Release 0“ heißt deshalb auch „Orgel-Hüllkurve“. Dynamik gibt es in diesem Falle nur via Schweller-Pedal.

 

 

Der dynamische Ausdruck entsteht beim Orgelspiel über die Dauer der Noten: Je kürzer die Note, desto akzentuierter erscheint sie. Organisten üben sich daher in vielen Zwischenstufen zwischen Legato (gebundenem Spiel) und Staccato. Die Mitte heißt „Portato“ und ist vielfältig. Um die Noten immer schnell absetzen zu können und um für stumme Akkordwechsel auf klingenden Akkorden den Daumen frei unter der Hand bewegen zu können, pflegen Organisten eine andere Handhaltung als Pianisten: Sie krallen mehr. 

Durch mangelnde Übersprechdämpfung der Tongeneratoren hat die Hammond darüber hinaus diverse Röchelgeräusche. Sie hat ein paar charmante Gleichlaufschwankungen und ein so genanntes Scanner-Vibrato, das grob wie ein Chorus-Effekt funktioniert, aber charakteristisch eiert. Und dieser Effekt ist nicht mit dem Leslie zu verwechseln, jenem Lautsprecherkabinett mit rotierendem Hochtonhorn und einer halboffenen Walze, die um den Tieftöner rotiert. Dieser Sound ist in der Rockmusik der populärste Effekt, um die Orgel zu beleben. Zwischen den Geschwindigkeiten „langsam“ und „schnell“ wird einfach umgeschaltet, also nicht stufenlos geregelt. Da die Motoren aber träge beschleunigen und auslaufen, sind die eigentlichen Höhepunkte die Stellen, wo das Leslie an- oder ausläuft, und nicht die, in denen es einfach nur läuft. 

Alle dezidierten Orgeln emulieren diese Spezialitäten der Hammond: Mit Perkussion, Multiplexing, Röhrenamp-Verzerrung, Scanner Vibrato und Leslie und natürlich der Abwesenheit von Anschlagsdynamik in der Klangerzeugung. 

Die genannten Eigenschaften des Multiplexing und der Perkussion machen es verträglich, auf der Orgel im Diskant Cluster zu spielen, oder oben einen Akkord anzuschlagen und diesen dann mit der flachen Kante des Zeigefingers nach unten über das Manual zu wischen. Hier spricht man davon, dass die Orgel „schimpft“. Beim Registrieren genügen zudem oft weniger Zugriegel – keineswegs müssen alle mitspielen. 

Das Rhodes

Harold Rhodes erfand ein Instrument, das 1965 unter dem Namen „Fender Rhodes Electric Piano“ eingeführt wurde. „Elektrisch“ ist das Instrument, da die Schwingungserzeugung wie bei einer E-Gitarre mechanisch ist, aber mit Pickups abgenommen und dann elektrisch verstärkt wird. Die Tastatur lässt einen Gummihammer gegen eine Stimmfeder prallen („Tine“), die fest mit einem „Tonebar“ verbunden ist und mit diesem gemeinsam eine Art asymmetrischer Stimmgabel ergibt. Hammer trifft mit Pickup abgenommene Stimmgabel. Das Instrument ist anschlagsdynamisch spielbar, erlaubt also „piano und forte“ und klingt geradezu lächerlich obertonarm. Mit weit gespreizten, ungeradzahligen Obertönen, von denen der 7. und 21. Partialton noch die prominentesten sind. Die Nichtlinearitäten der elektrischen Verstärkung und ein bisschen Chaos in der Anschlagsphase bringen ein bisschen „Bling“ in den Ton, welcher durch allerlei Einstell-Arbeiten und Modifikation der Hämmer variiert werden kann. Das Rhodes ist das Piano des elektrifizierten Jazz (Jazz-Rock) schlechthin. Es lässt sich rückkopplungsfrei beliebig laut verstärken und mit Effekten versehen. Es lässt anderen Instrumenten im Spektrum viel Raum und vor allem muss man mächtig arbeiten, um Musik aus dem Ding herauszuholen. Es macht Mühe, man muss eben spielen können. Dieser Umstand ist legendär in einer Szene des Kultfilms „Blues Brothers“ illustriert, in der Jake und Elwood im Musikalienfachgeschäft (Ray’s Music Exchange) des blinden Ray (Charles) ein Rhodes herunterhandeln wollen und über die Tastatur – aus der Sicht eines Pianisten völlig zu Recht – monieren, dass sie „wenig Action“ habe … Woraufhin Rhodes-Ikone Ray Charles nach dem trockenen Kommentar „Excuse me, I don’t think there’s anything wrong with the action on this piano“ das Gegenteil unter Beweis stellt. Wer die Szene nicht kennt ist eingeladen sie sich bei Youtube anschauen – unter der Zeichenfolge „The Blues Brothers Shake a Tail Feather“ ist sie zu finden. 

Das Rhodes wird nie mit Vibrato gespielt, eher mit Tremolo (Amplituden- statt Frequenzmodulation). Beispiel: The Doors „Riders on the Storm“, am Rhodes: Ray Manzarek. In modernen Produktionen ist der Effekt gerne in Stereo (Auto-Pan). Gerne genommen sind auch Phaser und, die Balladen der achtziger Jahre einleitend, ein Stereo Chorus. Dies tat man etwa, indem man die Transistor-Combo-Verstärker-Ikone Roland Jazz Chorus 120 als Amp verwendet hat.

Das Rhodes erinnert klanglich an ein Vibraphon, mit dem es gemeinsam hat, dass man viele Noten gleichzeitig klingen lassen darf, also komplexe Akkorde klingen lassen kann, ohne dass es überladen klingt. Genau das prädestiniert es für harmonisch komplexen Jazz.

 

Das Wurlitzer-Piano

Der Gegenspieler des Rhodes ist das elektrische Piano des damaligen Musikinstrumenten-Giganten Wurlitzer, der auch für seine Juke-Boxen bekannt war. Das bekannteste Modell, das Wurlitzer 200A, beruht ebenfalls auf Metallzungen die von einer Flügelmechanik ähnlichen Konstruktion angeschlagen und elektrostatisch abgenommen wurden. Der Sound des Wurlitzer-Pianos ist kürzer und obertonreicher als der des Rhodes.

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