Special: In-Ear-Monitoring

In-Ear-Monitoring sorgt nicht nur für einen transparenten Klang, sondern auch für Gehörschutz. In unserem Special erfahrt ihr alle wichtigen Fakten zu In-Ear-Systemen.

Wohlfühl-Faktor im eigenen Monitormix – das war im Backline- und Florspeaker-Brei on Stage lange ein Traum. Seit Mitte der 80er schreitet das In-Ear-Monitoring immer weiter voran und sorgt für ein vollkommen anderes, transparentes Sounderlebnis. Mit immer neuen Innovationen bieten die Spezialisten der Branche sämtliche Möglichkeiten für die individuelle Kontrolle, mit dem angenehmen Nebeneffekt des Ohrenschutzes. Ein Gehör verliert man nur einmal. Grund genug, sich diesem Thema zu widmen.

Will man sich mit In-Ear-Monitoring beschäftigen, ist es zunächst sinnvoll, sich der Frage zu widmen, was  Monitoring eigentlich ist. Monitoring heißt nichts anderes als "Kontrolle" oder "Überwachung". Es geht darum, Schall zu kontrollieren.

Vor Augen halten muss man sich in diesem Zusammenhang, dass on Stage mindestens drei verschiedene Lautstärke-Szenarien produziert und reproduziert werden. Einerseits das, was von der elektrifizierten Backline inklusive Drummer direkt über die Bühne gepustet wird. Auf der anderen das, was die Naturinstrumente – speziell die Stimmakrobaten – von sich geben. Hinzu kommen der Rückschall der Frontboxen und die Reflexionen der Location, die das eigentliche Soundergebnis zusätzlich verwaschen und versalzen.

Stimme vs. Instrument

Welches davon ist nun realistisch? Ehrliche Antwort? Keines davon! Die einzelnen Instrumente verschwimmen auf der Bühne peux à peux zu einem undefinierbaren Frequenzbrei. (Schneller, höher weiter – menschlich leicht nachvollziehbar.)

Die Naturinstrumente haben gegen die verstärkte Fraktion keine Chance haben. Versuch als Frontmann oder Frontfrau mal, eine Trompete in Grund und Boden zu singen. Viel Spaß dabei.

Gitarristen oder Bassisten haben die Macht der Volume-Potis ihrer Amps, der Drummer drischt drauf, bis ihm die Sticks bersten. Für den Sänger werden die Bandkollegen zu natürlichen Feinden. Er steht eindeutig am Ende der musikalischen Nahrungskette, wenn es um Durchsetzungskraft und Lautstärke geht.

Für die Stimme ist das tödlich. Wer gegen die Übermacht der verstärkten Kollegen anbrüllen muss, ist innerhalb kürzester Zeit heiser, kann zu Salbeitabletten, China-Öl, Hustentee, Honig und ähnlichen Substanzen greifen, um wenigstens noch das nächste Set einigermaßen zu überstehen, bevor die Stimme sich vollends verabschiedet.

Und der Salat der Sinne wird noch weitaus früher welk: Wie soll man einen Ton treffen, wenn man keinen Orientierungspunkt hat? Also, irgendeinen wird man schon treffen; ob das der Richtige ist, kann mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit bezweifelt werden. Hinzu kommt: Die Saal- oder Gebäudereflexionen kommen zeitverzögert. Direkt hinter den Frontboxen ist eigentlich nur der Bass einigermaßen glaubhaft nachzuvollziehen. Also, wie ihr lest, hört ihr eigentlich nix. Eine Lösung muss her.

Monitor oder In-Ear-Monitoring?

Also gibt es den Monitor; der soll hör- und definierbar machen, was gespielt und geträllert wird. Die traditionelle Lösung beim Monitoring ist es, mit Monitorpult (oder AUX-Weg), Sidefills und Wedges am Bühnenrand zu arbeiten.

Hat auch Jahrzehnte lang funktioniert und funktioniert immer noch; allerdings – siehe Anfang dieses Artikels– nur in Maßen. Klar, jeder kann über den Floor Monitor seinen eigenen Mix bekommen. Kann der bei der Arbeit mit FOH- und Monitorpult fast endlos und individuell reguliert werden, stehen bei der Variante mit einem Pult, bei dem der AUX-Weg für den Monitor genutzt wird, oftmals nur vier Wege zur Verfügung. Die reichen in den meisten Clubs vollkommen aus. Und dennoch ändert das nichts an den Einstreuungen – und entsprechend akustischen Belastungen – die jeder einzelne hinten, vorne, links, rechts, oben, unten und vor allem: von der Backline mitsamt Schlagzeuger präsentiert bekommt.

Sicher, es existiert die Möglichkeit, sehr leise zu spielen. Das aber hat mit Rock herzlich wenig zu tun. Exakt an dieser Stelle kommt das In-Ear-Monitoring ins Spiel.

Der große Run auf die In-Ear-Systeme begann in den achtziger Jahren, eigentlich nahezu zeitgleich mit der Entwicklung der Bühnen-Funktechnik. Chrys Lindop, Toningenieur von Stevie Wonder, hatte das Konzept zur Bühnenreife entwickelt. Damals konnten die Bands plötzlich kabellos durch die Gegend hüpfen. Und nun stelle man sich vor, der Saitenquäler rast vor lauter Enthusiasmus von einer Seite zur anderen, um sich vor oder in der rauschenden Menge zu baden. Das Ergebnis ist, dass er sich von seinem Floor Monitor immer weiter entfernt und letztlich wieder ganz am Anfang der Überlegungen steht.

Aber wenn man die Töne per Funk senden kann, dann ist es ja auch ein Leichtes, sich den Monitor in die Ohren zu stecken. Er muss nur deutlich kleiner sein. Einfach mal die fette Monitorbox von der Bühnenkante geschubst und direkt in die Hörmuschel damit. Der Weg ist nur eben ein umgekehrter. Während der Body Pack beim Hand- oder Gitarrensender ein Sender ist, ist der Body Pack beim In-Ear-Monitoring ein Empfänger.

Der Sender wird vom Pult aus gespeist und überträgt den individuellen Mix an den Body Pack, von dort geht es in die Kopfhörer. Und einen Satz einigermaßen funktionierender Ohren sollte man auch noch haben. Aber dazu kommen wir später.

Skepsis gegen In-Ear-Monitoring

Nicht verschweigen sollte man an dieser Stelle, dass gerade in den Anfangstagen des In-Ear-Monitoring die Geister sich geschieden haben. Es gab – und gibt – durchaus einige, die der innovativen Soundkontrolle nicht trauen wollten oder konnten. Deren Hauptargumente waren, dass sie bei diesem virtuellen Hören den analogen Druck der Amps nicht spüren, dass sie sich vom Publikum abgeschottet fühlen und dass sie sich nicht wie ein CIA-Agent verkabelt durch die Gegend bewegen wollten. All das ist menschlich und emotional nachvollziehbar; die Logik hingegen spricht eine unmissverständlich andere Sprache. Kennt ihr irgendein anderes System, mit dem ihr an jeder Stelle des Raumes denselben Monitormix erleben könnt?

In-Ear-Systeme: perfekte Transparenz - Rückkopplung ade!

Im Mittelpunkt steht der Sound – Punkt! Und bei diesem Aspekt, liebe Nostalgiker und Analog-Retrostyler, müsst ihr euch leider dem technischen Fortschritt geschlagen geben. Durch den Verzicht auf Floor Boxen, Sidefills oder Wedges auf der Bühne wird der Klang für Musiker und Publikum deutlich transparenter.

Ganz simpel: Es gibt kaum noch Geräusche, die – weil sie nun mal ertönen – über die Frontanlage geschallt würden. Und das Drum-Set lässt sich ohne weiteres in Acrylwände verpacken.

Im Gegensatz zur traditionellen Variante entsteht keine Soundschleife, zumal der Monitor nicht über die Bühnenmikrofone wieder eingefangen wird, wo er sich quasi im Kreis dreht.

Auch Rückkopplungen gibt es nicht mehr. Das Hören wird weitaus nuancierter, detaillierter und – weil direkter – auch ohrfreundlich leiser. Bleibt noch der Verdacht, dass der Musiker sich mit seinem Stöpsel im Ohr nicht direkt beim Publikum fühlt, dass ihm der Kontakt fehlt und er (oder sie) sich in einer unwirklich erscheinenden Sphäre befindet, weil der Kopf dichtgestöpselt ist. Vor wenigen Jahren hätte man vermutlich behauptet: In irgendeine saure Birne musst du beißen.

Aktuell befinden sich die Produkte der angesagten Hersteller mit Mehrwege-Systemen und Ambience-Bohrungen in Otoplastiken auf einem derart hohen Niveau und die Vorzüge überwiegen mit derart erdrückender Last, dass aus der sauren Birne längst ein süßer Apfel geworden ist.

Woraus besteht das In-Ear-Monitoring-System?

Von individuellen und spezialisierten Konzepten einmal abgesehen, sind es drei rudimentäre Komponenten, die für ein In-Ear-Monitoring benötigt werden.

Der Sender, der sein Signal über ein separates Monitor-Pult oder über den AUX-Kanal vom Mainpult bekommt, der Empfänger – üblicherweise in Form eines Body Packs – und die Kopfhörer.

Hier gibt es am Markt immense Unterschiede, sowohl was die Funktionen und Features als auch die Qualität angeht. Zu den führenden Anbietern in diesem Bereich zählen zum Beispiel Hearsafe, Westone, Fischer Amps, Ultimate Ears, InEar, Sennheiser, Sure oder MIPRO.

Und Highend-Monitoring geht über die Hörgeräte-Applikationen weit hinaus beziehungsweise besetzt es ein vollkommen anderes Segment.

Die simpelsten – und auch am weitesten verbreiten – Kopfhörer sind die universellen Ein-Wege-Hörersysteme. Damit die in nahezu jedes Ohr passen, werden austauschbare Schaumstoff-Pads oder Silicon-Tannenbäumchen (die heißen wegen ihrer Form so) verwendet.

Der Vorteil: Sie funktionieren recht passabel und sind relativ günstig. Anspruchsvoller wird es mit Hörersystemen in Mehrwegetechnik. Aufgebaut wie eine Mehrwege-Lautsprecherbox, sind die mit zwei oder mehr Treibern für die entsprechenden Frequenzbänder ausgestattet, bieten ein besseres Klangverhalten und eine deutlich höhere Dynamik. Ebenso deutlich höher ist allerdings auch der Preis. Und im Idealfall bleiben maßgefertigte Hörersysteme mit üblicherweise weichem Innenstück und harter individualisierter Außenschale.

Theoretisch könnt ihr auch hochwertige Walkman-Ohrhörer verwenden; die bleiben aber eher eine Notlösung mangels Reibung zwischen Daumen und Zeigefinger.

Mehr zum Thema In-Ear-Monitoring gibt es hier.