Special: DAW - Das Herz des Studios

Morgens, halb zehn in Deutschland – ein beliebiges Tonstudio. Die Kaffeemaschine spuckt die beliebte Produzentendroge aus, während der Computer hochfährt. Geladen wird danach meist zuerst eine DAW – eine digitale Audioworkstation: Herz und Schaltzentrale eines modernen Ton-Studios.

Digitale Audio Workstations sind aus der heutigen Musikproduktion kaum mehr wegzudenken. In allen Schaffensphasen kommen sie zum Einsatz: Songwriting, Arrangement, Recording, Editing, Mixing und Mastering.

DAWs sind ein komplexes Stück Software. Ein mächtiges Tool, welches fast alle Aufgaben, die in einem Tonstudio anfallen, erledigen kann: Komposition, Aufnahme, Schnitt, Abmischung, Remix ja sogar Mastering. Dabei ist sie preislich extrem attraktiv. Wollte man alles mit Hardwaregeräten realisieren, würde ein solches Studio ein Vielfaches kosten. Die Entwicklung der DAWs hat Homestudio-Produktionen auf Profi-Niveau erst ermöglicht und viele Arbeitsschritte vereinfacht.

Man denke da nur mal an Ton-Schnitt, welcher früher beim Tonband wirklich mit Schere und Kleber funktionierte. Die richtige Stelle musste durch Scrubbing gefunden werden. In der DAW ist das jedoch nur ein Mausklick. Den optimalen Schneidepunkt lokalisiert man, dank grafischer Unterstützung durch die Wellenform also deutlich schneller.  Aufgenommene Parts lassen sich manipulieren und verlustfrei kopieren. Arbeitsschritte ­erfolgen non-destruktiv. Eine „UNDO“-Taste sucht man auf einer Bandmaschine vergebens.

Wo viele Möglichkeiten existieren, ist aber die Anforderung an den Nutzer ebenfalls hoch. Um eine DAW wirklich zu beherrschen, bedarf es vieler Stunden intensiver Praxis. Nur so geht dem Anwender der Workflow in Fleisch und Blut über. Hinzu kommt der Anschaffungspreis und der erhöhte Installations,- und Lernaufwand. Die meisten Tonschaffenden arbeiten aus diesem Grunde gerne exklusiv mit ein oder zwei DAWs. Zwar sind Grundfunktionen (zum Beispiel Schnitt oder Signalfluss) in den meisten DAWs ähnlich realisiert, der Teufel liegt jedoch im Detail und seien es nur solche „Nebensächlichkeiten“ wie Tastaturkommandos, Projektorganisation oder ­Fenstermanagement.

Verfolgen wir ein Signal vom ­Eingang bis zum Ausgang durch die ­DAW und betrachten auf dem Weg die einzelnen Komponenten. Grundsätzlich gilt es zwischen zwei Arten von Signalen zu unterschieden. Aufgenommene Events wie Gesang, Drums, Gitarre und von der DAW erzeugte Signale wie Samples, Loops, virtuelle Instrumente.

Der DAW vorangestellt ist das Audiointerface. Hier erfolgt die Analog-Digital-Wandlung. Über Treiber wird das Interface in der DAW eingebunden. Dort könnt ihr das Routing der Ein- beziehungsweise Ausgänge vornehmen. Natürlich muss der Künstler sich beim Aufnehmen hören. Jetzt treten schon Unterschiede zwischen DAWs auf. Manche bieten hier vielfältige Möglichkeiten, manche nur wenige. Hat man ein Computersystem mit hoher Rechenleistung und damit niedriger Latenz (Verzögerung) kann ein Software-Monitoring gemacht werden.

Effekte wie EQ, Kompressor oder Hall können durch die DAW schon auf den Kopfhörer des Künstlers geschickt werden. Mit einem guten Sound gelingt das Recording gleich viel leichter. Leider brauchen diese Rechenprozesse einige Millisekunden Zeit. Diese Latenz kann je nach Dauer, den Musiker irritieren. Eine typische Lösungsmöglichkeit ist das Monitoring über ein Audiointerface mit eigenen DSP-Effekten oder durch ein Hardware-Mischpult. In den meisten Fällen kennt eure DAW die Latenz, die sich je nach eingesetzten Plugins ändern kann und kompensiert beim Abspielen diese korrekt. Vorausgesetzt Plugin und DAW tauschen diese Daten richtig aus. Dies ist ein Vorteil, wenn man Plugins vom DAW Hersteller verwendet. Probleme sind nahezu ausgeschlossen. TDM-Plugins in Verbindung mit Pro Tools galten jahrelang als vorbildlich in ­diesem Segment.

Das aufgenommene Signal wird auf die Festplatte geschrieben. Logisch, je mehr Platz auf der Festplatte frei ist, desto mehr Spur-Minuten könnt ihr aufzeichnen. Heute sind Festplatten eigentlich so groß, dass man da schwerlich an Grenzen kommt. Interessanter ist die Zugriffszeit der Festplatte. Je schneller die Platte, desto mehr Spuren können gleichzeitig abgespielt werden, aber auch das sind eigentlich Probleme von gestern. Moderne Rechner schaffen locker über hundert Spuren in Echtzeit.

Nach der Aufnahme erfolgt das Editing. Schnitte werden gesetzt, Parts hin und her kopiert und Timing und Intonation optimiert. Im Prinzip liegt man bei keiner DAW daneben. Die Basisfunktionen sind immer enthalten.

Bei der Soundgestaltung könnt ihr Effekte sowohl auf den einzelnen Tracks (Insert-Effekte) als auch über AUX-Wege (Send-Effekte) einbinden. Selbstverständlich stehen Subgruppen und Mehrkanaltonformate (5.1, 7.1., et cetera) zur Verfügung. Heute kommt jede DAW mit einem mitgelieferten Paket an Effekten. Quasi die Studio-Grundausstattung für den Mixdown. EQs, Kompressoren, Delay, Modulations,- und Reverbeffekte – und diese Hausmittel müssen überhaupt nicht schlecht sein.

Sie laufen stabil, passen sich im GUI (Graphic User Interface) dem Look der DAW an und gehen meist sparsam mit den Ressourcen des Computers um. Arbeitsspeicher und Prozessor-Power sind die entscheidenden Faktoren. Je mehr ihr zur Verfügung habt, desto mehr oder aufwändigere Effekte können gleichzeitig berechnet werden. Ob jetzt der EQ von Logic besser klingt, als der von Pro Tools oder ob der Hall von Ableton Live besser ist als der von FL-Studio wird wohl immer eine Geschmacks­frage bleiben.

Man ist aber nicht auf die Beigaben der Hersteller limitiert. Wem die DAW-eigenen Plugins nicht gefallen, kann problemlos weitere Effekte oder virtuelle Instrumente nachkaufen. Hier gibt es ein breites Angebot unterschiedlicher Preisklassen. Großer Beliebtheit erfreuen sich Emulationen von legendärer Studiohardware (Vintage-EQs und Röhren-Kompressoren) oder Ins-trumenten, wie Analogsynthis, Orchesterinstrumenten, Pianos, et cetera.

Dabei wird dem Rechner ordentlich was abverlangt. Reicht die Rechenpower nicht mehr aus, kann zum Beispiel von externen DSP-Karten weitere Performance abgerufen werden. Das bekannteste System stammt von Universal Audio und nennt sich UAD. Für die UAD-Plattform findet sich eine große Auswahl an Plugins.