Special: Das Delay

Das Delay gehört zu den flexibelsten Audio-Effekten überhaupt - deshalb widmen wir diesem Thema ein ganzes Special. Hier geht es zu den sieben goldenen Regeln des Delay.

Egal, ob live oder im Studio: Delays begegnen jedem Musiker auf Schritt und Tritt. Grund genug, sich eingehend mit diesem Audio-Effekt zu beschäftigen.

Was ist ein Delay? Übersetzt aus dem Englischen bedeutet es Verzögerung oder Verspätung und genau das macht dieser Audio-Effekt. Er bearbeitet ein Signal auf der Zeitachse, er verzögert es.

Ganz praktisch kommt dieser "Effekt" in der Natur und Architektur vor. Ruft ihr in ein großes Bergtal, hört ihr einen oder mehrere akustische Rückwürfe. Auch in großen Bauten kann man einzelne Echos wahrnehmen. Ein Hall oder Reverb ist also nichts anderes als die Summe vielfältiger komplexer Delays.

Zahlreiche Delays, sogenannte Flatter-Echos, kennt ihr von jeder Wohnungsbesichtigung: Das sind die unnatürlichen, unangenehmen Reflexionen, die leere Wohnräume aufweisen. Der Grund liegt in rechtwinkligen und parallelen sowie glatten Wänden, die häufig in den Raumecken zu finden sind. Einfach mal in die Hände klatschen und die Flatter-Echos "genießen". Hall und Delay sind verwandt und haben teilweise ähnliche Parameter und Einsatzzwecke – aber ebenso feine Unterschiede, die ihr in diesem Special kennenlernen werdet.

1. Verwendet statt Hall lieber mal Delays

Viele Anfänger im Bereich Musikproduktion wollen ihren Mixen Räumlichkeit und Tiefe einhauchen. Der Griff zum Hall-Plugin ist da meist der Erste.

Aber irgendwie will der Mix nicht gelingen: Es matscht, die Präsenz und der Druck gehen verloren.
Natürlich ist gegen Reverb nichts einzuwenden. Es wird nur wenige Mixe geben, in denen gar kein Reverb-Effekt vorkommt. Delay ist aber häufig die bessere Wahl.

Ihr könnt Räumlichkeit im Mix schaffen und eine Tiefen-Staffelung erzeugen, ohne dass die Signale an Präsenz verlieren.

Die Kombination von Hall und Delay ist ebenfalls (vor allem bei Vocals) gängige Praxis. Das Delay sorgt für die Tiefenstaffelung, der Hall klebt die Mischung zusammen. Insgesamt kann der Hallanteil reduziert werden. Das sorgt für einen knackigeren Sound. Der Song wird nicht dicht oder erzeugt das Gefühl, dass der Sänger in einer Tropfsteinhöhle steht. Zusätzlich könnt ihr die Delay-Zeiten auf das Song-Tempo abstimmen, was einem Hall-Plugin meist verwehrt ist. Dadurch nehmt ihr subtil Einfluss auf den Groove.

Alternativ könnt ihr euch ein eigenes Hall-Plugin aus mehreren Delays basteln. Ein Aufwand, der sich zu Lernzwecken auf jeden Fall lohnt.

Ähnliches gilt für Gitarren, insbesondere verzerrte Vertreter kommen mit Delays besser zurecht, als mit dem Stadium-Preset eures Hallgerätes. Durch viel Hall wird das Gitarren-Signal undifferenziert und drucklos. Ein Delay mit wenigen Wiederholungen und nicht zu laut ist hier ein guter Trick.

Wer mehr zu Hall-Effekten lernen will: Auf zu unserem Special!

2. Delays richtig einbinden

Sicher kennt ihr den Unterschied zwischen Insert- und Send-Effekten. Delays können sowohl Insert- als auch Send-FX sein. Wollt ihr nur ein einzelnes Signal (zum Beispiel eine Rhythmusgitarre) mit einem Delay bearbeiten, ist ein Insert-FX in den Kanal die richtige Wahl. Durch die Einstellung des Mix-Reglers (manchmal mit Dry/Wet bezeichnet) legt ihr den Effekt-Anteil fest.

Wollt ihr mehrere Elemente eines Songs rhythmisch verzögern, greift lieber zu einem Send- oder Aux-Weg. Verseht beispielsweise mehrere Vocalspuren (Main und Backing) mit einem Achtel-Delay. Das geht viel leichter und schneller als ein Delay-Plugin in jedem Einzelkanal. Diese müsstet ihr immer separat laden und einstellen. So spart ihr zusätzlich Rechenpower, da ihr nicht zehn Plugins braucht, sondern nur eines.

In meinen Cubase-Templates, welche ich beim Anlegen neuer Songs verwende, sind bestimmte Send-Effekte immer per default mitgeladen.

Ein bis zwei Hallräume (ein kleiner Room und ein medium/large Hall-Preset) sowie ein Slapback Delay (nicht tempo-synchronisiert) und drei rhythmisierte Delays (Achtel, Viertel, punktierte Viertel) mit kurzer Feedback-Rate. Auf diese Art stehen mir die wichtigsten Delay-Varianten immer zur Verfügung. Bei Bedarf editiere ich diese Varianten noch und passe sie auf den Song an. Probiert es doch auch mal aus! 

3. Nicht immer exakte Delay-Zeiten verwenden

Einen bretthart quantisierten Beat durch ein Viertel-Delay jagen oder die präzise gespielte Rhythmusgitarre mit einem 16tel-Delay versehen. Das hat einen Reiz, es ist aber genauso spaßig, absichtlich die Delay-Zeit nicht exakt zum Songtempo einzustellen.

Wenn ihr die Verzögerungszeit etwas zu groß wählt, entsteht ein Laidback-Feeling, was
ziemlich cool sein kann. Das ist gerade für Reggae oder Downtempo-Tracks spannend. Moduliert ihr die Delay-Zeit, können Brems- und Beschleunigungseffekte entstehen, die noch verstärkt werden, wenn die Tonhöhe durch die Delays moduliert wird.

Bei einem leicht treibenden Beat kann es hingegen reizvoll sein, die Delays etwas zu schnell kommen zu lassen, das erhöht den Vorwärtsdrive noch.

Egal, ob treibend oder Laidback, hier muss man exakt hinhören. Zuviel und es groovt nicht mehr, zu wenig und der Effekt ist nicht wahrnehmbar.

Ihr wollt ein In-Between-Feel für euren Track, wie er beim Swag-Drumming typisch ist? Dann stellt euer Delay auf Quintolenbasis oder deren Vielfache ein. Eine neue Groove-Welt wird sich für euch auftun.

Mehr Geheimnisse über das Delay verraten wir hier.