Sennheiser XSW-1

Sennheiser hat mit der XSW-Reihe eine neue Einstiegs-Produktlinie für Funkmikrofone im Programm und die ist preislich sehr interessant. Ob ein Funk-Mikrofon zum Preis eines verkabelten eine gute Idee ist, haben wir für euch herausgefunden.

Das "XS Wireless 1" rangiert noch unterhalb dem Nachfolger der ebenfalls "XS Wireless" genannten Produktlinien mit den Ziffern 35, 12, 52 oder 65. Diese werden durch die Produktlinie "XS Wireless 2" ersetzt werden. Die Produktlinien werden also aufgeräumt und übersichtlicher präsentiert. SOUNDCHECK konnte exklusiv, bevor Details über die Taschensender-Variante bekannt wurden, die Handfunkmikrofon-Variante mit der e-825-Kapsel testen, also mit einer einfachen, dynamischen Niere. Dieses Set wird dann das preisgünstigste Funkmikrofonmodell im gesamten Sennheiser-Programm sein. Und es wirft damit die Frage auf, was man von ihm erwarten kann, und ob man mehr ausgeben muss.

Das "XS Wireless 1" ist ein analoges UHF-Funksystem in Breitband-FM-Technik (Frequenzmodulation) mit bis zu 24-MHz-Schaltbandbreite, erhältlich je nach lokalem Markt in sieben verschiedenen Frequenzbereichs-Sets zwischen 548 und 937,5 MHz. Das getestete Set "E" funkt auf 821-832 sowie auf 863-865 MHz. Maximal 10 dieser Funkstrecken können unter optimalen Bedingungen parallel betrieben werden. Der Empfänger scannt bei Bedarf das Spektrum und sucht sich einen Kanal, auf dem Ruhe herrscht. 8 Kanalbänke mit bis zu 10 voreingestellten Frequenzen können auch manuell ausgewählt werden, zwar ohne numerische Anzeige der dabei gewählten Frequenz am Empfänger - dafür aber, nach erfolgreicher Übertragung der Einstellung an den Sender, an dessen Display. Diese Funktion erlaubt es beispielsweise einen bestimmten Kanal zu wählen, wenn man einen bestimmten im Soundcheck (noch) freien Kanal meiden will. Dies tritt in der Praxis auf, wenn beispielsweise eine Theaterbühne um 19:30 Uhr die Funken einschaltet und weiß: Im Nachbarhaus schaltet der Kollege seine Funken immer um 19:45 Uhr an. Und Kanal X wird dann nicht mehr gehen.

Antennen-Diversity

Der Empfänger XSW 1 arbeitet in Antennen-Diversity, will sagen, von zwei im Gehäuse integrierten Antennen wird immer diejenige mit der besseren Feldstärke genutzt. Die prinzipiell überlegene Alternative dazu ist eine True Diversity, bei der von zwei Empfangsteilen mit je einer Antenne immer dasjenige gewählt wird, welches das bessere Signal liefert. Diese True Diversity gibt es bei Sennheiser ab dem neuen XS Wireless 2. Dass sich daraus ein Unterschied in der Übertragungsqualität ergibt, ist in der Praxis selten, aber Grund genug, bei professionellen Systemen immer auf True Diversity zu setzen. Eine Antennen-Diversity ist im Konzerteinsatz aber durchaus als zuverlässig einzuschätzen, wenn der Empfänger am Bühnenrand steht und sich nicht gerade Stadtfestbühne an Stadtfestbühne reiht.

Solide Beschaffenheit

Handfunke und Taschensender bieten beide einen vierstufigen Schiebeschalter zur Wahl der Audio-Empfindlichkeit. Hallo? Dies ist das Einstiegsmodell! Wir sind beeindruckt. Überhaupt ist der mechanische Bauaufwand der Handfunke nicht unbeträchtlich. Das Batteriefach für die beiden AA-Mignonzellen verfügt über eine Klappe mit Verriegelung. Die Beschriftung des Riegels sowie die Grafik mit der Polarität, wie herum die Batterien einzulegen sind, ist ebenso wie die Beschriftung des Empfindlichkeitsschalters - man ahnt es - schwarz auf schwarz eingeprägt.

Das Gehäuse der Handfunke ist eine Kunststoffkonstruktion. Auch der Schaft besteht aus Kunststoff. Und genau hier leistet sich das Einsteiger-System ein Merkmal, das wir bei den höherwertigen Produktlinien von Sennheiser besser gelöst sehen: Sennheiser-Handmikrofone dürfen grundsätzlich als besonders unempfindlich gegen Körperschall und Griffgeräusche gelten. Das Anfassen und Umgreifen des Mikrofons ist bei Sennheiser-Mikrofonen sonst besonders gut von der Kapsel geschirmt. Bei der Handfunke des XS Wireless 1 stößt man mit der Materialwahl an die Grenzen guter Körperschalldämpfung. Wer mit dem Daumen Druck ausübt und dann auf dem Schaft herumreibt, erzeugt schöne Griffgeräusche auch im Audiosignal. Das sollte man unterlassen. Von der durchschnittlichen (aber nicht: überdurchschnittlichen) Körperschalldämpfung abgesehen, kann man von der Handfunke mit der 825er-Kapsel aber nur Gutes berichten.

Saubere Übertragung

Das Übertragungsverhalten der Niere ist aller Ehren wert, obschon die aus dem kabelgebundenene 825 stammende Kapsel doch sehr niedrigpreisig kalkuliert ist. Die Kritik auf hohem Niveau liest sich so: Die Nierenkapsel ist im Bass und in den tiefen Mitten etwas schwach. Die positive Sicht auf die Sache ist, dass das Mikrofon besonders Popp-unempfindlich ist. Aus keiner Distanz kann ein hart artikulierter Buchstabe "P" dem Mikrofon oder der Beschallungsanlage etwas anhaben. Die Textverständlichkeit ist exzellent. Auch die Höhenwiedergabe ist bis weit nach ganz oben transparent. Die Windempfindlichkeit ist gering, es gibt kaum ein Risiko für Windgeräusche oder Bedarf für einen großen Schaum auf dem Korb. Dieser wird ja auch nicht mitgeliefert. Der Korb kann abgeschraubt werden und sieht spülmaschinentauglich aus, der darin enthaltene Schaum lässt sich entnehmen und waschen. Ganz große Anerkennung gibt es für die Unempfindlichkeit gegenüber Verfärbungen bei dieser, man muss es eigens betonen, billigsten aller Gesangskapseln von Sennheiser. Die Niere ist eng fokussiert, schräg von der Seite Eingesprochenes erklingt leiser als aus 0°, aber es ist dem gegenüber nicht verfärbt. In diesem für Mikrofonkenner sehr wichtigen Punkt ist die einfache 825er-Kapsel ein ganz exzellenter Player! Mit diesen Eigenschaften ist zugleich ein wichtiger Seiteneffekt beschrieben, nämlich die geringe Neigung zu Mit- und Rückkopplungen. Man kann dieses Mikrofon - nicht zuletzt wegen der Option, es auf "unempfindlich" zu schalten - wirklich wie das klassische Rockmusik-Gesangsmikro behandeln und unmittelbar hineinschreien, ohne auf Popp-Konsonanten besonders achten zu müssen. Wärme und Grundtönigkeit geht natürlich auch, aber dazu muss man dann den EQ am Mischpult bemühen. Die Feinzeichnung eines Kondensatormikrofons darf man dann aber von dieser robusten dynamischen Kapsel nicht mehr erwarten. Die 825er-Kapsel ist unter schwierigen akustischen Bedingungen und auf lauten Bühnen ein echt guter Partner. Die meisten Veranstaltungen mit denen ich zu tun habe, fordern etwas hellhörigere, wärmere und damit auch rückkopplungskritischere Mikrofone heraus. Mikrofone, bei denen man nicht unbedingt präzise aus 0° einsingen muss. Daher würde ich mich eher für die in der XS Wireless 1 ebenfalls angebotene 835er-Kapsel entscheiden. Aber wenn die Verhältnisse kritisch sind und die Bühne laut ist, ist man genau damit ideal bedient. Das Übertragungsmaß des gesamten Funksystems endet bei 16 kHz. Zum Vergleich: Oberhalb von 15 kHz ist bei einem klassischen Rock-Vokalmikro nichts mehr los. Das ist also mehr als ausreichend, aber auch weniger als man einer flüsternden Chansonniere bei der TV-Übertragung eines Jazzfestivals anbieten würde. Für diesen Preis ist es phantastisch.

Vielfache Einsatzszenarien

Im Ganzen sind sechs verschiedene Sets in der Serie XS Wireless 1 erhältlich. Und jedes dieser Sets kommt in den sieben, für verschiedene, internationale Regionen vorgesehenen Frequenz-Sets. Die beiden Vocal-Sets mit Handfunken erlauben die Wahl zwischen den dynamischen Nieren 825 und 835. Die 835 ist im Einsprechwinkel etwas breiter und wärmer im Bass und den tiefen Mitten – also mehr etwas für Gesang, bei dem es auch mal leise Stellen gibt. Die beiden Instrumental-Sets gibt es entweder mit Klinken-Adapterkabel für den gemeinen Gitarren- und Bass-Funk (XSW 1-CI1) oder mit dem für Blech- und Holzbläser entwickelten Mikrofon e 908. Dann gibt es ein Set mit Lavaliermikrofon „ME2“ –  eher etwas für Präsentationen und Schauspiel als für Musical. Musikalisch interessant, aber auch für das Aerobic- und Tanz-Studio prädestiniert ist das Headmic-Set mit dem Mikrofon ME 3-II.  

Lieferumfang des XSW 1

Im Pappkarton des „Vocal Set XSW -825“ finden sich ein Empfänger, eine Handfunke, eine Mikrofonklammer (mit Distanzgewindestück) und ein Netzteil mit einer Sammlung aller möglichen Netzstecker-Stücke für ganz Europa. Es finden sich nicht: Eine Mikrofontasche und Antennen. Der Verzicht auf die Mikrofontasche ist am rechten Ende gespart: Manch einer transportiert Mikros eh in einem anderen Mikrofonkoffer, und eine selbstgemachte Samttasche für das Mikrofon kann man sich auch wunderbar bei Gelegenheit schenken lassen. Technisch interessant ist das Fehlen jeglicher externer Antennen oder Antennenstecker am Empfänger. Die Antennen passen offenbar fest verbaut ins Empfängergehäuse. Dieses ist aus Kunststoff gefertigt und sehr leicht. Nichts an ihm deutet auf eine Möglichkeit des Rack-Einbaus hin. Kein Teil ragt über die abgerundeten Kanten hinaus. Der Reduktionismus erinnert an bestes Industriedesign, wie einst bei der Design-Ikone Braun oder heute bei Apple. Man hat alles weggelassen, was man weglassen kann, und das ist gut so. Vier Cursor-ähnliche Tasten mit einer zentralen Set/Scan-Taste, eine Sync- und eine Power-Taste genügen. Das Display und der Sender für die Synchronisation befinden sich hinter dem transparenten Schwarz des Display-Fenster. Diese Synchronisation erfolgt übrigens nicht im Infrarot-Bereich, sondern im 2,4-GHz-Band, das auch von Routern frequentiert wird. Daraus ergibt sich in der Praxis kein Problem, geht die Synchronisation doch blitzschnell und in unmittelbarer Nähe von Sender und Empfänger. Außerhalb des Synchronisationsprozesses wird vom Empfänger kein Trägersignal gesendet, da stört also nichts. Text wird im Display nicht angezeigt, Hintergrundbeleuchtung gibt es auch nicht. In der Praxis genügt das. Ein Funkempfang vom Sender wird durch ein grünes Antennensymbol dargestellt, aber nicht weiter in der Feldstärke bewertet. Wenn ein Audio-Signalpegel erkannt wird, leuchtet ein grünes Lautsprechersymbol auf, zwar ohne Pegelanzeige, aber die Leuchtintensität ist pegelabhängig, im Grenzbereich geht die Farbe ins Gelbliche über. In Anbetracht der Häufigkeit der Rot-Grün-Schwäche fände ich Balkenanzeigen schöner. Anzeigen am Empfänger für Batteriewarnung, Feldstärke und Audiopegel, dazu ein Frequenz-Scan mit bis zu 10 parallel betreibbaren Funkstrecken plus Übertragung der Trägerfrequenz vom Empfänger zum Sender per Sync-Funktion – das sind bei höherpreisigen Systemen noch keine Selbstverständlichkeiten. Sennheiser bietet sie nun bereits in der preisgünstigsten Serie. Das sind ganz große Pluspunkte für ein sehr knapp kalkuliertes System.

 

Batteriebetrieb

Ein Akku-Ladesystem ist in der XS Wireless 1 nicht vorgesehen. Die Sender verfügen nicht über Ladekontakte. Ein Paar Mignon-Batterien (AA) liegt bei. Trotzdem kann man mit Akkus und externen Standard-Ladegeräten arbeiten. Ob man das will, hängt von der erforderlichen Betriebssicherheit ab. Eine Live-Show mit richtigen Batterien zu betreiben, hat sich bewährt. Diese lassen sich im Probenraum über viele Stunden aufbrauchen. Kurze Show-Hälften mit Pausen sind immer auch mit Akkus zu machen. 

Nach alter Väter Sitte befindet sich ein winziger Squelch-Regler auf der Rückseite des Empfängers. Um es dem unbedarften Anwender und Neuling nicht gar zu leicht zu machen, ist dieser Regler auf der Rückseite – natürlich unbeleuchtet – schwarz, auf schwarzem Hintergrund, mit Schwarz ins Schwarze geprägter Beschriftung (als Abkürzung „SQ“), und schwarzer Skala auf schwarzem Grund, versteckt neben (mit Zugentlastung konstruiertem, unverriegelten) Netzteilanschluss und einem Schiebeschalter für den Audio-Pegel. (Mit letzterem wählt man wahlweise mikrofontypische Ausgangspegel oder Line-Pegel). Dieser kleine Regler „SQ“ ist aber wichtig. Das Antennen-Diversity-System des XSW-1-Empfängers will richtig eingestellt werden, was die Rauschsperre anbelangt. Wenn die Rauschsperre nämlich ganz niedrig eingestellt ist und man plötzlich den Sender (die Handfunke) ausschaltet, schaltet der Empfänger keineswegs automatisch stumm, sondern haut raus, was sonst so auf der Frequenz empfangen wird – und das ist typischerweise Weißes Rauschen mit vollem Pegel (0 dB). So ein plötzliches Weißes Rauschen auf der Beschallungsanlage mit vollem Pegel des Lead-Gesangsmikrofons ist immer wieder eine spektakuläre Einlage und garantiert dem oder der Tontechniker/in die ganze Aufmerksamkeit des Publikums. Man stellt diesen schwarz auf schwarz beschrifteten kleinen Regler auf der Rückseite also besser rechtzeitig richtig ein, damit das Abschalten des Mikrofons zu einer Stummschaltung des Empfänger-Ausgangs führt. 

Wer mehr will, findet im XS-Wireless-2-Empfänger mit Metallgehäuse, True Diversity und ein umfassendes LC-Display am Empfänger. Das XSW 2 gibt es als Handfunken nur mit der dynamischen 835er- und der Kondensator-Kapsel e 865. Oberhalb dieser Serie gibt es noch mehrere Produktfamilien, die für Touring und Festinstallation wichtige Features liefern, die etwa den Verbund in mit zentralen Antennen mit Antennenverstärkern und gemeinsamer Systemadministration betreffen, sowie digitale Funk-Systeme bis hin zu High-End-Produktlinien für die namhaftesten Künstler der Welt und ihre Stadion-Auftritte. 

Als Einsteiger jedenfalls macht man nichts falsch mit dem XS Wireless 1. Man kann es auch parallel zu anderen Strecken betreiben, dafür sorgt die Scan-Funktion, sprich: die Ausweichmöglichkeit auf freie Trägerfrequenzen. Gespart wurde am rechten Ende. Kunststoff-Gehäuse, Antennen-Diversity, kein Akku-Ladesystem, keine Mikrofontasche – das sind die richtigen, wirkungsvollen Aspekte, die den günstigen Preis ermöglichen und doch kaum Einschränkungen für den Anwender darstellen. Ebenso wie die nur im Scherz monierte Beschriftung schwarz auf schwarz. Kunststoffteile lassen sich in diesem Stil einfach produzieren, und man muss sich die Sache nur einmal im Hellen raufschaffen, dann ist das alles kein Problem. Dieses System dürfte ein Volltreffer werden – schwer, dem zu diesem Preis etwas Besseres entgegen zu setzen.