Rock'n'Roll und Risiko

Element of Crime gelingt das Kunststück, Musik zu machen, die einerseits herrlich ungehobelt daherkommt, bei aller Rotzigkeit aber doch jede Menge Finesse und Freude am Detail offenbart. Wir haben mit der Band gesprochen.

 

SOUNDCHECK: Euer neues Album, „Schafe, Monster und Mäuse“, wurde mit altem Equipment aufgenommen. Unter anderem ist im Studio ein Tonbandgerät gesichtet worden…
Jakob Ilja: Ich finde es interessant, dass man zu solcher Technik alt sagt. Eigentlich sind das ja nur Geräte, die irgendwann mal angeschafft wurden, damit man Aufnahmen machen kann. Letztendlich sind das Aufnahmegeräte wie andere auch. Aber trotzdem: Ja, wir nehmen gerne mit Band auf.

SC: Ihr wart im Berliner Tritonus-Studio, oder?
Jakob: Ja, das ist ein tolles Studio, wo wir schon 1984 / 85 mit einer Vorläuferband die ersten Aufnahmen gemacht haben.
Sven Regener: Wir arbeiten ja nach dem sogenannten New York Style. Es wird alles zusammen aufgenommen. Am Ende behalten wir davon das Schlagzeug und vielleicht auch den Bass. Seltener auch eine Rhythmusgitarre. Wir sind im Studio – sehr old school – auf Kabinen verteilt. Die Sounds werden getrennt, aber nicht zu perfektionistisch. Es kann durchaus Bleed geben. Das macht ja nichts. Und beim Aufnehmen der Grundtakes hat Tonband eben ein paar Vorteile: Es geht schneller und es klingt – beim Schlagzeug – besser. Jeder weiß, dass Bandkompression dem Schlagzeug gut tut. In Amerika gibt es kein großes Studio, dass nicht eine Bandmaschine besitzt. Als wir im Blackbird-Studio in Nashville waren, hatten die da, glaube ich, sogar zehn Bandmaschinen.

SC: Irgendwann landen aber auch eure Aufnahmen vermutlich in einem Rechner…
Sven: Ja, ab einem bestimmten Punkt ist Pro Tools natürlich komfortabler. Man lässt Dinge stehen und arbeitet ein bisschen nach dem Prinzip Versuch und Irrtum. Da wird es dann interessant, Pro Tools ins Spiel zu bringen.
Jakob: Wobei ich, etwa bei einem 24-Spur-System, schon immer mehrere Spuren für dasselbe Instrument verwendet habe. Eine zum Beispiel für die Gitarre und eine zum Ausprobieren.
Sven: Kannst du dich noch an die gute alte Zeit erinnern, als wir auf nur vier Spuren aufgenommen haben? (lacht)
Jakob: Klar. Aber mal im Ernst: Wir kennen doch alle Pro-Tools-Produktionen, wo man mal eben die Gitarre sehen möchte und dann 30 Spuren aufklappen … Das Schöne bei der Arbeit mit Tonband ist, dass man sofort Entscheidungen treffen muss. Am Anfang steht die Idee, dann übt man und spielt den Take ein. Wenn es das dann nicht ist, nimmt man halt noch mal auf. Das Irre beim digitalen Arbeiten ist ja, das alles gleichzeitig passieren kann. Man nimmt auf, produziert, schneidet, mischt – alles zur selben Zeit. Es klingt zwar komisch, aber beim Arbeiten mit Band sind die Grenzen klarer gezogen und gerade deswegen ist man schneller.
Sven: Und es ist für Rock ‘n‘ Roll besser, weil da so vieles aus dem Augenblick heraus geboren wird. Es kommt nicht gut, wenn man sich als Rockband sagt: „Wir spielen das hier jetzt irgendwie ein, und irgendjemand soll dann entscheiden, wie man das alles zusammenfummeln kann.“ Das bringt nichts.

SC: Dann hat ja die Band auch nicht mehr so die Finger drauf.
Sven: Ganz genau. Stattdessen sollte man sagen: „Nö, finde ich scheiße, das will ich noch mal einspielen.“ Warum auch alle Entscheidungen auf später verschieben? Ist man später wirklich schlauer? Sicher, wenn man etwa Streicher gebucht hat, die nur für fünf Stunden da sind, hat man nicht unbedingt die Zeit, zu entscheiden, was gelöscht werden kann. In so einem Fall nimmt man besser erst auf und verschiebt die Entscheidungen auf später. Ein Streichquartett mit Diskussionen darüber zu belästigen, wie man editiert, wäre unwürdig.

SC: In Deutschland gibt es ja leider nicht mehr so viele Studios, die eine Bandmaschine vor Ort haben, die dann auch sofort einsatzbereit ist …
Sven: Deshalb freue ich mich so, dass es in Berlin noch ein Studio wie das Tritonus gibt. Neulich habe ich die Kraftklub-Leute dort getroffen, weil ich für die bei einem Lied ein bisschen mitgesungen habe. Die waren auch in anderen großen Studios, zum Beispiel in Dänemark. Da funktionierten die Bandmaschinen aber gar nicht mehr richtig. Die waren nicht richtig gewartet und so weiter.
Jakob: Das Wichtige für eine Rock-‘n‘-Roll-Band ist, auch bei der Arbeit mit Pro Tools, sich mit Ungenauigkeiten anzufreunden. Es muss nicht alles perfekt auf dem Grid liegen. Wenn alles zusammenfließt, hört man die Ungenauigkeiten gar nicht mehr. Und darum geht es. Das ist Musik! Es geht nicht um richtig oder falsch.
Sven: Das ist schlicht eine Frage der Urteilsfähigkeit. Die Entscheidungen kann dir kein Gerät abnehmen. Gut, man kann den Leuten andererseits auch nicht vorwerfen, dass sie einem das versprochen hätten. Das Problem liegt eher unausgesprochen in der Natur dieser Systeme.

SC: Und dann gibt es Genres, etwa im Metal-Bereich, wo einige Bands bestimmte Songs gar nicht mehr live auf Anhieb durchspielen könnten, weil man sich im Studio so sehr auf die Perfektion des Computers verlassen hat … Wobei auch da am Ende wieder die Frage steht: Ist das notwendig schlecht?

Jakob: Nein, das ist völlig in Ordnung. Es gibt grauenvolle Musik, die auf Band aufgenommen wurde, und großartige Musik, die allein mittels Computer mitgeschnitten wurde. Und im Übrigen existieren ja auch reine Pro-Tools-Studios, in denen Leute sitzen, die sagen: „Ich schneide nicht. Ich möchte, dass die Bands, die hierherkommen, ihre Songs auch spielen können.“ Das ist auch eine Haltung. Das Gute ist: Wir haben die Möglichkeit, noch in einem großen Studio mit Bandmaschine aufnehmen zu können, weil unsere Plattenfirma glücklicherweise dafür ein Budget bereitstellt.
Sven: Nein, das liegt nicht an der Plattenfirma. Das liegt daran, dass wir viele Platten verkaufen. Da müssen wir uns nichts vormachen.
Jakob: Du hast Recht. [lacht]
Sven: Weil wir so viele Platten verkaufen, lohnt sich der Aufwand für alle Beteiligten. Deshalb sterben ja so viele von den großen Studios: Die Leute machen halt viel zu Hause. Was auch in Ordnung sein kann. Für Rock ‘n‘ Roll ist es aber trotzdem eine schlechte Entwicklung. Dafür braucht man eigentlich große Räume, in denen die Musiker sich ausbreiten können, und eigentlich auch ein großes Pult. Ich habe mal eine Platte von Florian Horwath in GarageBand produziert – das war auch okay, aber eben kein Rock ‘n‘ Roll. Bei einer richtigen Band wäre das Quatsch gewesen. Was sollen die bei mir zu Hause? Das ginge ja gar nicht … Rock ‘n‘ Roll braucht diese Art von großen Dingen, so wie er auch Koks und Nutten braucht. Man muss sagen können: „Da ist ein großes Ding am Laufen.“

SC: Wenn wir mal das Argument mit den Plattenverkäufen betrachten, kann man das Eingrenzen auf digitale Technik auch als Versuch sehen, die Kosten möglichst gering zu halten …
Sven: Es ist eine Geld- und Zeitersparnis. Schlager und Volksmusik sind heute zum Beispiel Musikrichtungen, die zu 100 Prozent elektronisch zusammengeschustert werden. Wir haben mal Faith Hill im Studio in Nashville erlebt … Ich meine: In Nashville können die Produzenten wirklich auf die besten Musiker der Welt zurückgreifen, und trotzdem kommt am Ende der Grid-Mann und rückt alles am Rechner zurecht. Gut, das kann man machen. Aber wie sehr sollte man wirklich so ein Kontrollfreak in der Kunst sein?
Jakob: Wir haben dann gefragt, ob bei der Stimme auch noch nachgeholfen wird, worauf es hieß: Sure.
Sven: Ich erinnere mich noch daran, dass selbst mir mal ein Indie-Produzent angeboten hat, auf meine Trompete Autotune zu hauen. Das klang sofort wie eine Melodica. Es hieß dann: „Klingt doch sauberer so.“ Aber ich spiele doch nicht Trompete, weil sie sauber klingt. Ich spiele die Trompete, weil sie dreckig und laut ist, weil sie daneben ist und einem in den Ohren wehtut. Das finde ich geil. Dafür machen wir doch Rockmusik. Sonst hätten wir ja auch bei einem Easy-Listening-Orchester anheuern können. Das gilt auch live. Die Frage muss sein: Stirbt Jim Morrison heute auf der Bühne oder nicht. Das Risiko muss da sein, sonst ist es kein Rock ‘n‘ Roll.

SC: Playback im Fernsehen fällt damit für Rockmusiker dann auch automatisch weg, oder?

Sven: Da haben wir schon in den Neunzigern gesagt, dass wir das nicht mehr machen.
Jakob: Ich weiß noch, als wir in Straßburg im Fernsehen auf eine Uptempo-Version warteten, aber die Halftime-Version abgespielt wurde. Das war so deprimierend.
Sven: Man fühlte sich so benutzt. So nuttig. Playback ist einfach unwürdig.
Jakob: Und man braucht es auch nicht. Denn das Schöne ist, dass man, sogar wenn es um ein Stück mit Orchester geht, immer einen Weg findet, den Song auch für vier oder fünf Leute wundervoll zu arrangieren.
Sven: Und selbst wenn nicht, wäre es trotzdem besser, als Playback zu spielen. Ich verurteile niemanden dafür, wenn er Playback spielt. In der Popmusik ist das total legitim. Aber im Rock ‘n‘ Roll geht es eben nicht, Freunde!


Florian Zapf