Konzerte effektiv aufnehmen

In diesem Special zeigen wir euch, wie ihr einen Live-Mitschnitt eurer oder einer Band mit möglichst geringem Aufwand und dennoch professioneller Aufnahme-Qualität realisieren könnt.

Es gab Zeiten, da rollte bei einem Live-Mitschnitt ein ganzer Truck mit zusätzlichem Equipment an, um das Konzert für die Ewigkeit festzuhalten. Meistens wurde dazu tagelang verkabelt und aufgebaut. Von den technischen Komponenten einmal abgesehen kostete allein das nicht nur viel Geld, sondern brauchte auch wiederum das nötige Personal.

Live-Mitschnitt leicht gemacht

Heute wird so ein Mitschnitt nebenbei erledigt. Wie überall sonst im Leben hat uns auch hier die digitale Technik fest im Griff und nimmt uns dankbar einen Haufen Arbeit ab, der sonst mühselig von Hand geschehen musste. Heutzutage haben moderne Pulte ein integriertes Interfaces, die sich die Spuren abzweigen und auf den Rechner oder die Festplatte schicken. Während im Studio die analoge Aufnahmetechnik die letzten Jahren eine kleine Renaissance erlebt hat, ist davon im Live-Bereich deutlich weniger zu spüren. Analoges Equipment ist meisten einfach zu kostspielig, empfindlich und es wiegt vor allem deutlich mehr.

In diesem Special wird der Prozess vom ersten Planungs-Beginn bis zum fertigen Mitschnitt durchleuchtet. Die erste Frage, die sich stellt, ist natürlich: Wo beginnt denn eigentlich so eine Mitschnitt für den Techniker? Jetzt würden die meisten wohl sagen, dass es mit der Verkabelung auf der Bühne beginnt. Das ist allerdings etwas blauäugig, denn eine Aufnahme sollte akribisch vorbereitet werden. Hat sich eine Band oder Produktionsfirma entschlossen, ein Konzert mitzuschneiden, sollten im Vorfeld einige grundlegenden Dinge geklärt sein. 

Der ideale Aufnahmeort zum recorden eures Konzerts

Entscheidend ist der Ort der Aufnahme. Soll der Mitschnitt während einer Tour erfolgen, macht es Sinn, die örtlichen Gegebenheiten miteinander zu vergleichen. Wenn eine Spielstätte bekannt für seine miserable Akustik ist, fällt diese erst einmal aus der engeren Auswahl. Auch das zu erwartende Publikum spielt eine große Rolle. Wenn die Band sich sicher sein kann, dass der eigene Fanclub zu einem bestimmten Konzert anreist, um abzufeiern, ist das ein schlagendes Argument für die Aufnahme. Schließlich geht es bei einem Konzertmitschnitt darum, Emotionen einzufangen, die es auf einer Studio-Produktion nicht gibt. Ist die passende Location gefunden, geht es an die ersten Vorbereitungen.

Eine Ortsbegehung macht immer Sinn. Diese sollte im Idealfall einige Tage vor dem eigentlichen Konzert erfolgen. Kurz vor einem Konzert ist meistens keine Ruhe da, um sich einen guten Überblick zu verschaffen. Bei diesem Termin sollte vor allem darauf geachtet werden, wie viel Platz für Mikrofone, Mixer und eventuelle weitere Aufnahmeperipherie zur Verfügung steht. Hier sollte der verantwortliche Techniker bereits alles notieren und sich zu Hause einen genauen Plan machen, was benötigt wird. Am besten ist es, sich jedes Kabel und jede Mikrofonklemme in eine Packliste einzutragen, die beim Beladen der Autos am Tag der Aufnahme abgehakt wird. So ist mit Sicherheit alles vorhanden. Denn nichts ist ärgerlicher, als ein großes Projekt nur halbherzig durchführen zu können oder ganz abblasen zu müssen, weil ein kleiner Adapter für wenige Cent nicht da ist. Das wäre besonders bei einer Auftragsarbeit mehr als unprofessionell und ist ein vermeidbares Problem, dessen man sich aber bewusst sein muss.

Richtige Planung ist die halbe Miete

Auch der Mischer sollte bereits zu Hause planen, wie die Kanalbelegung des Mixers an diesem Abend aussehen wird. Es kann ja bekanntlich nicht „zu viele“ Kanäle am Pult geben. Gehen wir mal von einer 4-köpfigen Band aus. Sollte der Mixer 32 Kanäle haben, sind hier im Normalfall mehr als genug vorhanden. Bei einem 16-Kanal-Mixer sieht die Sache schon anders aus. Aus jahrelanger Praxis ist zu sagen, dass hier irgendwo immer gerne zwei Kanäle mehr vorhanden sein könnten. Auf der anderen Seite sind auch mit nur 16 Kanälen bereits jede Menge guter Mitschnitte entstanden. Man muss sich halt immer vor Augen halten, dass hier keine Studio-Umgebung herrscht und Experimente keinen Platz haben. Es gilt also, unnötiges Equipment lieber zu Hause zu lassen. 

Handy-Recorder nur mit Einschränkungen nutzen

Die entscheidende Frage ist, wofür der Mitschnitt sein soll. Falls dieser nur für die Band zur anschließenden Kontrolle gemacht wird, muss längst nicht ein so großer Aufwand betrieben werden, wie bereits beschrieben. Hier gibt es kleine Handheld-Rekorder, die diesen Zweck erfüllen. Darin sind in der Regel Kondensator-Mikrofone für Stereo-Aufnahmen zu finden. Qualitativ sind diese Rekorder für Sprachaufnahmen und Mitschnitt von Akustik-Gigs eines Solo-Künstlers eine gute Wahl. Wer allerdings denkt, damit eine komplette Rockband mit geringem Aufwand in CD-Qualität mitschneiden zu können, der irrt. Denn hier ist der Klang bei allen Handhelds keinen Deut besser als bei aktuellen Smartphones. Selbst für die Tonspur eines Youtube-Videos reicht es nicht aus, wenn das Ergebnis einen gewissen Standard erfüllen soll, der für Demo-Zwecke gilt. Genauso verhält es sich mit zwei aufgestellten Mikros, die den Gesamtsound aufnehmen sollen. Das ist im Prinzip nichts anderes als ein Handheld-Rekorder. Wenn es richtig hochwertige Mikros sind, kann hier schon ein Fortschritt hörbar sein, aber am Ende kommen wir nur zu einem guten Ergebnis wenn alle Spuren einzeln im Kasten sind, was immense Vorteile mit sich bringt, die insbesondere bei der Nachbearbeitung zur Geltung kommen.

Falls allerdings nur ein Pocket Rekorder zur Verfügung steht, ist auch hier im Nachhinein noch einiges möglich. Wer Erfahrung mit Mastering hat, weiß, wie verblüffend die darin enthaltenen Kapazitäten sind, aus „laschen Aufnahmen“ doch noch einen guten Sound zu holen. Allerdings kann auch ein noch so guter Mastering-Ingenieur keine Wunder vollbringen und nur Sachen beeinflussen, die auch wirklich auf Band beziehungsweise auf Speicherkarte sind. Und genau das ist das Problem von dieser einfachsten Art der Aufnahme. Das Material des Mitschnitts ist meistens im Bass so weit beschnitten, dass hier keine druckvollen Sounds entstehen können. Das Ergebnis ist ein klirrender undefinierter Sound, wie wir ihn alle sicher schon gehört haben. Bei günstigen Smartphones ohne Regelung der Eingangsempfindlichkeit sind außerdem noch hässliche Übersteuerungen auszumachen. Diese Regelung haben nur die Handheld-Rekorder, was sie zum Sieger im Direktvergleich mit den Smartphones macht. Allerdings sollte hier Vorsicht geboten sein, alle über einen Kamm zu scheren. 

Auf YouTube kursieren Konzertmitschnitte, die mit Handys gemacht wurden und eine verblüffende Sound-Qualität haben. Welche Handys diese Ergebnisse liefern, würde den Rahmen dieses Specials sprengen. Wer im Proberaum die Band mitschneiden will, um die eigenen Songs beurteilen zu können und eventuell noch etwas am Arrangement zu schrauben, der ist mit einem Handy bei normalen Lautstärken gut ausgestattet. Selbst bei den Handheld-Rekordern ist nicht alles wirklich gut geeignet. Wichtigstes Kriterium ist die Regelung der Eingangsempfindlichkeit. Der Rekorder muss mit richtig lauten Eingangspegeln, wie sie bei einem Konzert oder im Proberaum auftreten, umgehen können. Die Praxis zeigt, dass einige Geräte hier bereits viel zu früh aussteigen. Das Ergebnis ist ein übersteuerter und damit unbrauchbarer Sound. 

Position beim einfachen Konzert-Mitschnitt

Wer mit einem dieser Rekorder mitschneidet, muss sich Gedanken um die Positionierung im Raum machen, um möglichst einen ausgewogenen Bandsound oder den Klang eines einzelnen Solo-Künstlers und auch genügend Atmo mit aufzunehmen. Eine Live-Aufnahme ohne die Reaktion der Zuhörer macht keinen Sinn. Denn genau dafür ist sie gemacht, damit der Zuhörer vor der heimischen Stereo-Anlage das Konzert noch einmal miterleben kann. 

Es gibt keine richtige oder falsche Positionierung. Hier hilft nur ausprobieren und dabei Erfahrung fürs nächste Mal zu sammeln. Erfahrene Rundfunk-Ingenieure haben früher viele Konzerte mit einfachen Mitteln auf diese Weise festgehalten, wussten aber ganz genau, warum sie bestimmte Mikrofone und Richtcharakteristiken eingesetzt haben.

Mitschneiden mit Einzelspuren

Kommen wir also zum professionellen Setup. Hier gibt es unzählige Möglichkeiten, die alle gemeinsam haben, dass einzelne Mikrofone getrennt voneinander aufgezeichnet werden. Hier lässt sich im Nachhinein eine komplett neue Mischung erzeugen und im Studio mit Effekten wie Hall oder Dynamik-Bearbeitung versehen. Wer puristisch im Studio aufnimmt, wird auch beim Live-Mitschnitt nicht viel weniger Spuren haben. Sind alle Mikrofone aufgestellt und auch DI-Boxen und Line-Signale abgenommen, stellt sich die Frage, wie genau die Digitalisierung stattfinden soll. 

Interface im Mischpult beim Live-Gig

Die einfachste Möglichkeit ist natürlich die Nutzung eines integrierten Interfaces. Einige Hersteller statten ihre Digital-Mixer inzwischen mit solchen Schnittstellen aus, die in der Regel genau hinter den Vorverstärkern sitzen und die trockenen Signale dort abgreifen, bevor diese durch Equalizer und Effekte im Pult bearbeitet werden. Das soll schließlich später im Studio geschehen. Bei dieser Lösung werdet ihr, je nach Mixer, kaum weiteres Equipment benötigen, da der Mitschnitt so gut wie nebenbei passiert. Dies stellt so etwas wie den Idealfall dar.

Aufnahme nicht vergessen!

Hier wäre übrigens noch das wichtigste Utensil beim Live-Mitschnitt zu nennen. Kein Scherz, aber das besteht aus einem Zettel und einem Stift, damit der Tontechniker sich den Merkzettel „Aufnahme starten“ aufs Pult legen kann und im Eifer des Gefechtes nicht vergisst, den Knopf zu drücken. Sonst wäre alles für die Katz gewesen. Klingt vielleicht blöd, aber das ist schon oft genug passiert.

Direkt auf die Festplatte aufnehmen

Bei integrierten Interfaces gibt es meistens mehrere Möglichkeiten für einen Mitschnitt. Meistens reicht der Anschluss einer portablen Festplatte aus, um die Spuren direkt darauf zu verewigen. Auch der Anschluss eines Computers mit einer DAW wie Logic, Cubase oder Pro Tools wäre eine Möglichkeit. Der Vorteil hierbei ist, dass die Aufnahmen jederzeit sichtbar sind. Auf dem Bildschirm werden die Wellenformen, die der Computer auf die Festplatte schreibt, optisch dargestellt.  

Eine weitere Möglichkeit wäre der Einbezug von Ausspielwegen. Hier müsste das Pult für jeden Kanal oder für die Summe einen Ausgang haben, der für diesen Zweck ausgelegt ist. Klingt logisch und übersichtlich, ist aber ein Haufen Mehrarbeit, da für jeden Kanal ein weiteres Kabel anfällt. Diese würden dann in ein weiteres Interface gehen, das denselben Zweck erfüllt wie eine interne Lösung. Die Soundqualität wäre bei gutem Equipment keinesfalls schlechter, aber der Aufwand ist entschieden größer.

Weitere digitale Aufnahme-Standards

Auch andere digitale Schnittstellen wie AES, ADAT oder Dante-Netzwerke können einzelne Spuren an externe Aufnahme-Lösungen schicken und sind deutlich schneller installiert als das komplette Pult noch einmal verkabeln zu müssen. Am einfachsten ist und bleibt ein internes Interface mit der angeschlossenen Festplatte. Bei den meisten Pulten können entweder Einzelspuren oder auch eine Stereo-Summe mitgeschnitten werden. Hier gilt es, sich am besten vorher zu informieren, was das jeweilige Interface genau kann.

Saalmikros sind Pflicht für ein professionelles Ergebnis

Bei dieser Kombination aus „moderner Bandmaschine“ und Mixer in einem Gehäuse wird der Tonkutscher beim Konzert keinen Stress haben. Die Instrumente werden in diesem Fall wie gewohnt verkabelt. Allerdings können ein paar zusätzliche Mikros auch nicht schaden. Ein Muss ist die Aufstellung von Saalmikros, um den Zuschauerraum oder vielmehr den Applaus des Publikums einzufangen. Hier fehlt es bei kleineren Pulten oft an vorhandenen Kanälen. Im Ideal-Fall will jede Reaktion hörbar gemacht werden. Wer großen Aufwand betreiben will, stellt auf jeder Seite des Saals mehrere Mikrofone in bestimmten Abständen auf, um wirklich jedes Klatschen im Kasten zu haben. Für einen Konzert-Mitschnitt, der für die Tonspur beim Video oder das Live-Album für die Fans gemacht wird, hat sich in den meisten Fällen wohl die Stereo-Mikrofonierung bewährt. Eine beliebte Methode ist, die Mikros links und rechts vor der PA zu positionieren und in die gleiche Richtung, also in den Zuschauerraum hinein, auszurichten. Es ist aber auch erlaubt, die Mikros an die Decke zu hängen oder mitten im Zuschauerraum auf Stativen zu positionieren, was selbstredend gewisse Risiken mit sich bringt. Auf jeden Fall sollten zu diesem Zweck Kondensator-Mikros eingesetzt werden, die mit einer hohen Empfindlichkeit bereits das kleinste Rascheln im Raum hörbar machen. So bekommt das Raunen der Menge eine persönliche Note und besteht nicht nur aus einem anonymen Rauschen.

Schlagzeug für den Mitschnitt abnehmen

Häufigstes Problemkind ist die Schlagzeug-Mikrofonierung. Hier gilt es immer, einen Kompromiss zu finden, wenn nicht gerade mit mindestens zwölf Kanälen allein für dieses Instrument gearbeitet werden soll. Im Studio werden Bassdrum und Snare in der Regel mit mindestens zwei Mikrofonen bestückt, was auf einer kleinen Bühne zu umständlich ist. Die Snare wird also nur von oben abgenommen. Gerade bei 16 Kanal-Mixern sollte immer die Anzahl der verbleibenden Kanäle im Hinterkopf sein. Eventuell kann es sein, dass auch nur noch Platz für ein Overhead Mikrofon ist. Die Studio-Ingenieure mögen jetzt gemeinsam aufschreien, aber auch damit ist ein guter Drum-Sound ohne weiteres möglich. Das gilt übrigens auch für ein einzelnes Saalmikro, das vollkommen ausreichend sein kann. Auch wenn ein Stereo-Pärchen immer vorzuziehen ist, sofern die Möglichkeiten bestehen. Hier gilt es, einen Kompromiss zwischen den Möglichkeiten und den Gegebenheiten zu finden.

Brummgefahr bei DI-Boxen

Gerade bei DI-Signalen empfiehlt sich, eine Probeaufnahme beim Soundcheck zu machen, und danach die Spuren einzeln abzuhören, ob sich auch wirklich kein Brummen in die Aufnahme geschlichen hat. Nichts ist ärgerlicher, als später im Studio beim Abhören festzustellen, dass eine Spur unbrauchbar ist. Gerade wenn die Band an dem Abend perfekt zusammengespielt hat. Solche Momente lassen sich unmöglich im Nachhinein ausbessern. Ein vorheriges Hören zur Kontrolle kann also den Havarie-Fall verhindern.

Den Gig doppelt aufnehmen

Wer auf Nummer sicher gehen will, kann in den meisten Fällen auch gleich einen doppelten Mitschnitt anfertigen. Viele Pulte mit integriertem Interface haben darüber hinaus noch weitere digitale Ausspielwege, um die bereits besprochenen externen Geräte zum Einsatz zu bringen. Sollte hier etwas schief gehen, gibt es immer noch einen Plan B.

Ist alles korrekt mikrofoniert und verkabelt, der Rekorder scharf gestellt und die Band soweit startklar, kann es losgehen. Jetzt kommt es nur noch darauf an, die Nervosität abzulegen, weil jeder Musiker weiß, dass die rote Lampe leuchtet. Das ist aber spätestens beim ersten Funken, der aufs Publikum übergeschwappt, geschehen. Sorgen um zu wenig Kapazität auf der Festplatte muss man sich heutzutage glücklicherweise nicht mehr machen. Auch ein dreistündiges Konzert kann ein modernes Medium nicht einmal annähernd in eine brenzlige Situation bringen.