Native Instruments Komplete 12

Schnell noch ein paar Hundert Gigabyte auf der Sample-Festplatte freischaufeln: Nach über einem Jahr Pause landet das mittlerweile zwölfte Software-Komplettpaket aus Berlin, diesmal sogar in vier Geschmacksrichtungen.

Um ein mögliches Missverständnis gleich aus dem Weg zu räumen: Natürlich ist es seltsam, dass es vier Editionen einer Software namens Komplete gibt. Denn offensichtlich ist selbst die größte Ausgabe mit dem schönen Namen Komplete 12 Ultimate Collector’s Edition mittlerweile nicht mehr „komplett“. Schon während ich diesen Beitrag verfasse, veröffentlicht Native Instruments bereits neue Sample-Bibliotheken, die nicht mehr Bestandteil dieser Sammlung sind. Dennoch: Abseits der Maschine- und Traktor-Software-Linien bietet die Komplete-Serie einen Rundumschlag durch das schier unendliche Angebot der Klangerzeuger, Effekte und Sounds von Native Instruments.

Native Instruments Komplete 12: vom Ein- bis zum Aufsteiger

Dennoch steckt hinter der Abstufung ein Muster: Mit 199 Euro ist Komplete 12 Select die günstigste Variante. Für Erwerber von Maschine, Maschine Studio und den Komplete Kontrol S Keyboards ist sie gratis mit an Bord. Neben Komplete Kontrol beinhaltet Native Instruments Select lediglich die Player-Versionen von Reaktor 6 und Kontakt 6. Hinzu kommen die Instrumente:

  • Massive
  • Monark
  • Retro Machines
  • Reaktor Prism
  • drei Expansions
  • sechs Kontakt-Instrumente
  • Effekt-Plug-ins Solid Bus Compressors, Replika und Phasis

Mit schlanken 45 Gigabyte hat Komplete 12 Select dabei eine realistische Chance, auf der internen SSD eines Laptops Platz zu finden.
Hinter dem schlichten Namen Komplete 12 verbirgt sich die komplette Bandbreite des „klassischen“ Native Instruments Line-ups. Mehr als 60 Produkte erhält man hier zum Preis von 599 Euro.

Zwar fehlen einige der neueren Effekt-Plug-ins und Reaktor-Player-Instrumente. Dennoch ist die Fülle der gebotenen Klangfarben bereits derart groß, dass weniger abgebrühte Musiker und Klangforscher in akute Ekstase verfallen dürften: von virtuell-analog über FM bis hin zu den additiven und Physical-Modeling-Kunstwerken in Reaktor.

Mit Kontakt 6 ist hier bereits das wohl wichtigste Update dieser Sammlung enthalten: Mit seiner ohnehin mächtigen Script-Sprache ist Kontakt 6 die ideale Plattform zum Erstellen und Verwalten eigener Sample-Bibliotheken, aber auch zur kreativen Manipulation von Multi-Samples und MIDI-Sequenzen. Das zweite große Update betrifft den von vielen Produzenten innig geliebten Wunder-Synthesizer von Native Instruments: Massive. Das Update auf Massive X ist ab Komplete 12 und höher enthalten.

Natürlich gesellen sich einige seit der letzten Komplete-Version veröffentlichten Plug-ins und Libraries hinzu, die Bestandsnutzern das Update schmackhaft machen sollen: Hierzu gehören in der „normalen“ Komplete-Version:

  • das Kreativ-Effekt-Trio Mod Pack
  • der Kick-und-Bass-Synthesizer TRK-01
  • die Sample-Bibliotheken Discovery Series
  • Middle East und Session Strings 2
  • zehn Expansions

Abgesehen von einigen Effekt-Plug-ins und Unmengen von Sampler-Instrumenten fehlen im Vergleich zu Native Instruments Komplete 12 Ultimate eigentlich nur die Reaktor-Synthesizer Flesh, Razor und Skanner XT.

Der Platzbedarf für alle mitgelieferten Bibliotheken beträgt hier bereits 220 Gigabyte. Neben dem Download lässt sich diese Version daher bereits auch mit Aufpreis als verpackte Version mit Festplatte erwerben. Das ist natürlich auch für die größeren Versionen möglich, während Komplete Select mit USB-Stick zu bekommen ist.


Native Instruments Komplete 12: technische Daten

Hersteller: Native Instruments

Art:    

  • Sound Library
  • Effekt-Plugins
  • Sound Design
  • (Bis zu 60 Produkte)

Version: erhältlich vom Einsteiger bis zur Profi-Vollversion

Kompatibilität: alle gängigen DAWs

Speicherplatz: 600-900 MB

Features: zusätzliche Software erhältlich


Komplete 12: Vollbedienung bis zur Luxusklasse

Mit über 600 respektive 900 Gigabyte ziehen die beiden großen Komplete-Versionen in fast schon wahnwitzige Dimensionen davon. Dafür sollte der Studiorechner dann schon entsprechende Kapazitäten bereithalten. Komplete 12 Ultimate verfügt über den denselben (fast) vollständigen Fundus an Kontakt-Bibliotheken wie die Collector’s Edition. Sie wird aber „nur“ mit 20 statt 50 Expansions aufgeliefert, die so ziemlich jedes Genre mit spezialisierten fertigen Sounds abdecken.

Abseits von diesem Unterschied warten beide Versionen mit nicht weniger als 101 Instrumenten und Effekten auf. Neu ist hier das zweite Kreativ-Effekt-Trio Crush Pack sowie eine Reihe Sample-basierter Instrumente. Allen voran die platzhungrige Symphony Series Collection mit ihren überzeugend spielbaren Sektionen und Solisten. Mit Thrill gibt es außerdem ein mächtiges Werkzeug zur Komposition dichter Klangteppiche, Cluster und Drones. Dabei kommen sowohl orchestrale Aufnahmen als auch hybride und konkrete Klangquellen zum Einsatz. Ihre Intensität und Mischung kann per XY-Pad geregelt werden.

Das Ende des Samplers

Reaktor und Kontakt bilden gewissermaßen das Rückgrat im Native Instruments Plug-in-Katalog. Während alle neu entwickelten NI-Synthesizer der letzten Jahre auf Reaktor basieren, gilt das gleiche für die Sample-basierten Instrumente und Kontakt. Mit anderen Worten: Das Herzstück von Kontakt bekommt man beim Musizieren eher selten zu sehen. Das liegt auch an der inzwischen in die Jahre gekommenen Factory Library. Die schicken, intuitiv bedienbaren Instrumente von Komplete 12 haben scheinbar nur recht wenig mit Kontakt gemeinsam, obwohl dessen Innenleben hier tatsächlich vollumfänglich die Arbeit leistet. Gleiches gilt auch für die zahllosen Produkte von Drittanbietern für diese Plattform. Insofern hat Native Instruments in Kontakt 6 nun neue Funktionalitäten ergänzt, die sich an Entwickler Sample-basierter Instrumente wenden. Die wenigsten Anwender werden diese neuen Funktionen unmittelbar im Alltag bemerken, sondern erst, wenn diese in neuen Instrumenten zum Einsatz kommen.

Gleichwohl hat Native Instruments Kontakt 6 aber auch um drei neue Instrumente ergänzt, die diese neuen Möglichkeiten nicht nur demonstrieren, sondern auch klanglich einiges zu bieten haben. Hinter Analog Dreams, Ethereal Dreams und Hybrid Keys verstecken sich drei ähnlich gestrickte Libraries. In jeder davon lassen sich jeweils zwei eigenständige Sound-Engines per Drehregler überblenden und mit Hüllkurven, Filtern und Effekten bearbeiten.

Dabei liegt der Schwerpunkt auf Klasse, denn die neuen Libraries benötigen trotz des atemberaubenden Klangs mancher Sounds insgesamt unter zehn Gigabyte auf der Festplatte. Hybride Klänge, also die Vermischung zweier unterschiedlicher Klangquellen, sind der klare Schwerpunkt der drei Neuzugänge. Ein Teil dieses Konzepts lässt sich als Reaktion auf neue Funktionen in Kontakt 6 verstehen: Dank des neuen Wavetable-Synthesizers sind nunmehr auch DSP-basierte Klangerzeuger an Bord – hier darf man also gespannt auf kommende Entwicklungen sein. Für Entwickler eigener Bibliotheken gibt es zudem nun die separate Applikation Creator Tools, mit der Native Instruments den immer komplexer werdenden Anforderungen der Entwickler Rechnung trägt, die etliche Prozesse mit eigenen, in der Programmiersprache Lua geschriebenen Makros automatisieren können.

Komplete 12: die Ordnung der Klänge

Derart viele Daten wollen natürlich bewältigt werden, was insbesondere auf Laptops mit kleinen Festplatten mitunter eine Herausforderung darstellt. Nach der Installation und Registrierung erscheinen die einzelnen Plug-ins und Libraries in dem Installationsmanager Native Access. Vor der Installation lohnt ein Besuch der Programm-Voreinstellungen, um den Installationspfad für die Library-Inhalte auf eine Festplatte mit genügend Fassungsvermögen zu ändern.


Native Instruments Mod Pack und Crush Pack

Modulationseffekte und Verzerrer gehören neben Hall und Echo zu den klassischen Kreativeffekten. Native Instruments schafft mit Mod- und Crush Pack die Gratwanderung zwischen Vintage-Charme und Flexibilität. Die Bedienoberfläche ist aufs Wesentliche reduziert, dafür besitzen fast alle Effekte mehrere Betriebsarten, die den Klangcharakter und die Funktionsweise der Parameter teils radikal verändern. Phaser, Flanger und Chorus sind die im Mod Pack modellierten Effekte. Insbesondere die hohe mögliche Modulationsgeschwindigkeit des 12-Stage-Phasers Phasis ermöglicht extreme FM-Effekte, während die verschiedenen Chorus-Betriebsarten den Klang der Klassiker seiner Gattung einfängt. Rabiater geht es im Crush Pack zu: Der gelbe Dirt ist Spezialist für Verzerrungen von sanft (Saturation) bis brachial (Wavefolding). Bite widmet sich der kunstvollen Reduktion von Bit- und Sample-Raten und ist damit ideal für Lo-Fi-Sounds und dreckige Loops geeignet. Mit Freak verfügt das Crush Pack zudem über einen tempobasierten Multieffekt für Pitch-, Amplituden- und Ringmodulation. Insbesondere Maschine-Nutzer profitieren von der dichten NKS-Integration beider Effektsammlungen, da Plug-ins und Presets direkt von der Hardware vorgehört und eingefügt werden können.


Dank Native Instruments’ liberaler Nutzerlizenz lassen sich die Instrumente auch auf mehreren Rechnern parallel installieren.
Obwohl man angesichts der massiven Anzahl und Größe der hier versammelten Klänge eigentlich nur kapitulieren kann, schaffen es die Berliner, über den sogenannten Native Kontrol Standard die Klangerzeuger von der Katalogisierung der Klänge zu trennen.
Die zigtausend Klänge von Komplete 12 können so unabhängig von den verwendeten Plug-ins durchstöbert, vorgehört und mit Makroreglern verändert werden. Inzwischen gibt es zudem eine wachsende Liste von Plug-in-Herstellern, die ihre Software-Instrumente und -Effekte mit NKS-kompatiblen Presets ausstatten, darunter Arturia, Softube, U-He, Sugar Bytes oder Waves. Da lohnt sich auch unbedingt ein näherer Blick auf die entsprechenden Controller-Keyboards.

Native Instruments Komplete 12: Fazit

Die zwölfte Auflage von Native Instruments Komplete 12 ist ein unglaublich umfangreiches Paket mit unendlichen Möglichkeiten für den musikalischen Einsatz. Für alle, die nach einem klanglichen Rundumschlag auf höchstem Niveau suchen, ist eine drei größeren Versionen eine echte Empfehlung. Hier wird man tatsächlich genreübergreifend umfassend versorgt. Tatsächlich trifft dies auch bereits auf die Vorgängerversion zu. Die Frage, ob sich ein Update lohnt, ist damit nicht glasklar zu beantworten. Für regelmäßige Nutzer von Kontakt und alle, die ein Auge auf ein oder mehrere „große“ Kontakt-Instrumente geworfen haben, lohnt das Update allemal. Besitzer von Komplete 11 (und somit Reaktor 6), die vorrangig mit Synthesizern arbeiten, können in aller Ruhe auf die Veröffentlichung von Massive X warten. Zusammenfassend ist Komplete 12 ein essenzielles Produktionswerkzeug, das in dieser Form und dank NKS kaum Konkurrenz hat und damit längst in den Arbeitsalltag von Produzenten, Sound Designern und Komponisten gehört. Für das nächste Update darf Native Instruments sich aber ruhig mal wieder etwas grundsätzlich Neues ausdenken.

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