Musik aufnehmen im Proberaum

Als Musiker sieht man sich beim Aufnehmen am liebsten in imposanten Studios. Gigantische Aufnahmeräume, Mischpulte so breit wie der Sueskanal, die Mikros allererste Sahne. Die Praxis sieht oft anders aus. Wir zeigen euch, wie ihr gute Musikaufnahmen im Proberaum bekommt.

Viele Produktionen finden in kleinen Studios, Bedroom-Producer-Suites oder im Proberaum statt. Die Dollars sitzen bei den Plattenfirmen nicht mehr locker und immer mehr Bands gehen den Weg einer Veröffentlichung inzwischen alleine. Man behält so mehr Kontrolle und mehr Anteil am Umsatz, muss aber deutlich mehr selbst stemmen. Wenn man allerdings nicht gerade eine kopfstarke Live-Band aufzeichnen möchte, braucht man nicht zwingend einen ganzen Studiokomplex.

Die Hersteller von Equipment haben sich längst auf diesen Trend bei der Musikaufnahme eingestellt. Dank hochwertiger Mikrofone, Preamps und DAWs mit unzähligen Plugins klingen Produktionen aus kleinen Studios durchaus hervorragend und können international mithalten.

Voraussetzung ist ein fähiger Mann (respektive Frau) an den Reglern. Die Strategie, einen oder zwei hochwertige Aufnahmekanäle anzuschaffen, hat kleinen Studios neue Kundengruppen erschlossen, beziehungsweise Top-Produktionen in Eigenregie möglich gemacht. Ein hochwertiges Mikrofon in Kombination mit gutem Preamp  für 3.000 bis 5.000 Euro kann man mit Produktionen von First-Class-Recordingstudios mithalten. All die wohlklingenden Namen, die man aus den Studios der Stars kannte, sind inzwischen auch für den breiten Markt erhältlich. Einzelne Elemente (Preamps, EQs, Kompressoren) aus den Mischpultlegenden werden als externe Geräte angeboten. Channelstrips machen oft riesige Analogpulte theoretisch ersetzbar.

Nur eben mit weniger Kanälen, aber oft reicht ja ein einzelner aus, falls man im Overdub-Verfahren Musik aufnehmen will. Geht man bei der Auswahl der Geräte eine Preisklasse tiefer, nimmt die Qualität nur geringfügig ab. Die Frage lautet deshalb: 
Wie kriege ich eine Aufnahme optimal in Eigenregie hin, wenn ich möglichst wenig Kapital einsetzen will? Wie setze ich mein Recording-Wissen richtig ein? Dabei gehen wir die komplette Aufnahmekette durch und schauen, wie wir die einzelnen Glieder optimieren können.

Wollt ihr für euch nur intern Aufnahmen anfertigen, ­quasi als Erinnerungsstütze, dann reicht schon ein kleiner Handheldrecorder (beispielsweise Tascam DR-05 V2, ZOOM H1, Olympus LS-P1 …) oder ein Smartphone. Besonders Letztere können mit einem kleinen Zusatzmikro (zum Beispiel IK Multimedia iRig Mic Cast, Rode VideoMic Me …) aufgewertet werden. Für wirklich kleines Geld erhält man ein cooles Setup, welches euch die tägliche Musikerarbeit deutlich erleichtert. Probiert verschiedene Platzierungen beim Musik aufnehmen aus. Ihr werdet überrascht sein, wie unterschiedlich die Ergebnisse ausfallen werden. Haltet euch von den Raum­ecken, nackten Wänden und dem Schlagzeug fern und platziert den Recorder eher in der Nähe der Sänger.

Der Raum zum Musik aufnehmen

Professionelle Studios betreiben großen Aufwand, um ihre Räumlichkeiten akustisch zu perfektionieren. Das ist absolut nachvollziehbar. Der Raum hat einen entscheidenden Einfluss auf die Klangqualität. Grund genug, sich also auch bei der Proberaumaufnahme oder im Homestudio zwischen Bett und Tisch mit der Thematik auseinanderzusetzen.
Klar ist, dass wir den Raum nicht aufwendig mit Akustikmodulen behandeln. Wer regelmäßig und ernsthaft aufnimmt, der wird dies sicherlich tun müssen, aber unser Motto war ja „gut und günstig“.

Welche Materialien – die vielleicht keine Topakustikprodukte aus dem Tonstudiobau sind – können alternativ verwendet werden, gerade wenn in der Bandkasse Ebbe herrscht?
Der erste Schritt ist, sich mit den räumlichen Gegebenheiten vertraut zu machen. Harte Oberflächen reflektieren den Schall besonders stark. Normalerweise werdet ihr diese Flächen im Bereich der Fenster und Türen finden. Wie sieht es bei euch mit Decke und Fußboden aus? Eine glatte Decke und ein gefliester Boden sorgen für unangenehme Flatterechos. Ein dicker Teppich oder ein dicker Vorhang vor den Fenstern können dagegen helfen. Bedenkt aber, dass diese Maßnahme sich vor allem auf den oberen Frequenzbereich auswirkt. Faustformel: je dicker das Material, desto mehr Mitten / Bassfrequenzen werden absorbiert. Wer hier nicht aufpasst, der überdämpft den Raum ungleichmäßig. Eure Aufnahme klingt dumpf und dröhnt. Dies lässt sich im Mixdown auch mit einem guten EQ nicht mehr so einfach reparieren. Es gilt also, einen Kompromiss zu finden. Was ist mit Eierkartons in Proberäumen? Nein, danke. Die akustischen Eigenschaften der Eierkartons sind viel zu bescheiden.

Man erhöht eher deutlich die Brandgefahr und ermöglicht Schimmel, da die Kartons schnell Feuchtigkeit aufnehmen. Noppenschaum eignet sich da eher. Der Effekt ist stark von der Dicke des Schaums abhängig. Ein dünner, 20-mm-Noppenschaum schluckt in erster Linie nur Höhen weg. Der Klang wird dumpf. Eine wirkliche Diffusion findet durch die Noppen nicht statt.
 Große Absorber-Elemente kann man sich – handwerkliches Geschick vorausgesetzt – aus Mineralwolle selber bauen. Am Besten also mal am Samstag mit dem Band-Bus zum Baumarkt und los geht’s. Achtet bei der Verarbeitung auf die gesundheitlich unbedenkliche Handhabung.
Bleibt bei der Platzierung der Mikrofone von den Raumecken weg. Dort erhaltet ihr zahlreiche Reflexionen zwischen Wänden, Decke und Fußboden. Der Bassanteil ist überhöht. Aus diesem Grund findet ihr in den Ecken professioneller Studios die Bassfallen. Mikros für eure Gesangsaufnahmen stellt ihr in die Mitte des Raums. Nehmt ihr ein Drumset auf, dann platziert das Kit auf einem Teppich und probiert verschiedene Positionen aus. Dazu einfach vorsichtig den Teppich verschieben.

Ein typisches Raumakustikverfahren ist das LEDE-Prinzip (Live End Dead End). Eine Seite des Raumes wird im Tonstudiobau stark mit Absorbern bedämpft (meist aus Basotec, Schaumstoff oder Mineralwolle) während die andere reflektierend ausgeführt ist. Dies erreicht man über Diffusoren. Doch wie setzt man dieses Prinzip um, ohne gleich eine vierstellige Summe investieren zu müssen? Eine Wand bekommt einen dicken Vorhang und eine Wand ein großes Bücherregal. Das möglichst etwas chaotisch eingeräumt ist. Dieses Bücherregal fungiert als unser Diffusor. Es zerstreut den auftreffenden Schall. Der Vorhang absorbiert auftreffende Schallwellen. Polstermöbel oder ein geöffneter Kleiderschrank funktionieren ebenfalls gut als Schallschlucker. Seit einigen Jahren auf dem Markt sind sogenannte Reflection Filter. Auf den Mikrofonständer aufgeschraubt, schirmen sie ein einzelnes Mikrofon ab. Einerseits können sie in speziellen Situationen durchaus ein preiswerter Problemlöser sein, andererseits ergeben sich bei der Benutzung teilweise Kammfiltereffekte und die Ergebnisse in Sachen Abschirmung und Reflektions-Unterdrückung sind nicht immer optimal. Mikrofoniert man aber sehr nah, ist das Ergebnis ganz brauchbar. Geht man jedoch weiter von der Schallquelle weg, verringert sich die Wirkung schnell. Es hängt also klar vom angestrebten Einsatzzweck ab.

 

Schallschutz bei der Musikaufnahme

Damit möglichst wenige Störsignale auf eure Musikaufnahmen kommen, schmeißt Mitbewohner aus dem Raum. Stellt Handys komplett aus. Ein auf „Lautlos“ gestelltes Smartphone kann immer noch das unangenehme „klack, klack, klack“-Funkstörgeräusch in eure Kabel einstreuen. Eine dicke Decke oder Matratze reduziert Schallübertragung durch die Tür. Aus Schaumstoff kann man sich „Deckel“ für die Fenster bauen. Ansonsten achtet auf die Uhrzeiten. Setzt die Aufnahmen nicht gerade dann an, wenn im Nachbarraum die Punkband ihre Probe abhält. Gesangskabinen oder aufwendige Raum-in-Raum-Konstruktionen sind zwar effektiv, fallen aber nicht mehr in die Kategorie „günstig“.

Welches Mikrofon verwende ich beim Aufnahmen?

Das beste Mikrofon ist das, was ihr habt. Klar wäre es schön, einen vollen Mikrofonschrank zu besitzen und Studios haben diesen nicht ohne Grund. Allerdings soll euch das nicht davon abhalten, eure Livemikrofone auch für Aufnahmen zu testen. Dynamische Mikrofonklassiker wie Shure SM57, SM7B oder ähnliche sind auf vielen Hits zu hören. Wollt ihr investieren, rate ich zur Anschaffung eines Großmembran-Kondensatormikrofones. Zahlreiche Hersteller bieten im Preisbereich 200 bis 400 Euro sehr gute Mikrofone für semiprofessionelle Anwendung an. Dafür gibt es nicht die begehrten Edelschallwandler aber zumindest ein solides Arbeitsgerät. Eine gute Basis für das Home-Studio. In der preislichen Liga darunter hingegen würde ich kein reines Studiomikrofon aussuchen. Dann greift lieber auf eines eurer Livemikrofone zurück und spart noch länger.

Kabel zum Musik aufnehmen

Wer direkt starten möchte, der kann ohne Bedenken in seinen Kabelkoffer greifen und ein beliebiges XLR-Kabel heraus ziehen. Gerade wenn der Rest der Aufnahmekette nicht Hi-End ist, macht ein extrem hochwertiges Studio-XLR-Kabel nur bedingt Sinn. Zu Beginn der Recording-Karriere braucht ihr hier kein Geld einzusetzen.

Welche Vorverstärker wähle ich für die Musikaufnahme?

Ähnliches gilt beim Thema Vorverstärkung. Mischpulte und Audio Interfaces haben heute gute Mikrofon-Preamps verbaut, die sich für die ersten Aufnahmen nutzen lassen. Achtet auf eine gute Aussteuerung des Mikrofons und legt los. Interessant werden Investitionen in Preamps, meiner Meinung nach, für euch erst ab zirka 300 Euro. Drunter verlasse ich mich lieber auf die schon verbauten internen Preamps.

Software zum Musik aufnehmen

Zahlreiche Hersteller bieten DAWs für das Produzieren im Rechner an. Bitte ignoriert alle Kollegen, die euch einreden wollen, dass man unbedingt ProTools verwenden muss, um eine Band aufzunehmen, Cubase für Filmkomponisten Pflicht ist und Ableton Live für DJs unverzichtbar. Natürlich hat jede DAW ihre Stärken und Schwächen, aber um Audiospuren aufzunehmen reichen sie alle. Es muss auch nicht die Vollversion sein. Alle Hersteller bieten mittlerweile Lite-Versionen an. Ihr braucht darüber hinaus keine riesige Plugin-Sammlung. So toll externe Anbieter sind, nehmt auf und verwendet die bei der DAW mitgelieferten Plugins.

Ein Programm, das auf all meinen Computern installiert ist, ist Audacity. MIt dieser Freeware-Software könnt ihr aufnehmen und Audiofiles fast aller Tonformate schneiden und bearbeiten. Kleinere Audioarbeiten mache ich gerne damit. Dafür schmeiße ich nicht unbedingt extra die große DAW an. Audacity ist für mich natürlich kein Ersatz zu Cubase und Co., kann aber gerade bei knappem Budget eine sinnvolle Alternative sein.
Wir haben uns in diesem Workshop darum gekümmert, wie man selbst das Optimum aus einer eigenen Musikaufnahme rausholt. Trotzdem kann es sinnvoll sein, bestimme Arbeitsschritte in einem professionellen Mietstudio durchzuführen. Für euer Geld bekommt ihr nämlich nicht nur hochwertige Technik und eingemessene Raumakustik, sondern auch jahrzehntelange Erfahrung und ein Paar geschulte Ohren.

Mehr Workshops rund ums Thema Musik und Aufnahme findet ihr hier.