Halleffekte: Sieben Goldene Regeln

Hall ist einer der wichtigsten Audioeffekte und prägt den Charakter einer Abmischung entscheidend mit. Richtig eingesetzt ist der Hall ein akustischer Segen. Doch genauso gut kann er zum Fluch werden. Was gibt es beim Einsatz dieses Effektes zu beachten? Hier kommt die passende Checkliste.

1. «Den Hall richtig einbinden, Send-FX oder Insert?»

Man unterscheidet zwischen Insert- und Send-Effekten. Im Normalfall wird ein Hall als Send-Effekt eingebunden. Ihr greift Signalanteile eurer Mischpultkanäle ab. Die Intensität steuert ihr pro Channel über den Regler Aux-Send. Über den Aux-Bus werden die einzelnen Signale des Pults ­summiert und in den Hallerzeuger eingespeist. Das ­verhallte Ergebnis wird dann über die Aux- / FX-Returns zurück­geführt und auf Master oder Subgruppen geroutet. So teilen sich alle Instrumente, wie in der Realität, denselben Raum. ­Natürlich kann man, wenn mehrere Aux-Wege und Hall­geräte vorhanden sind, auch unterschiedliche Räume gleichzeitig simulieren. Die Lead-Vocals kriegen einen Plate-Reverb, die Snare einen langen Concert-Hall, der Bass ­etwas Ambience.

Achtet bei diesem Verfahren darauf, dass der MIX-Regler eures Hallerzeugers auf Anschlag steht. Wir wollen auf dem Aux-Return nur den Hallanteil haben. Die trockenen Signalanteile können wir über die Channel-Einzelfader pegeln. Ebenfalls wichtig ist die Schaltung eures Aux-Weges. Es gibt pre- und post-Fader. Pre-Fader-Auxwege nimmt man in der Regel für das Monitoring auf der Bühne oder im Studio. Der Signalanteil für den Aux-Weg ist unabhängig von der Einstellung des Channelfaders. Bei Hall ist Post-Fader die bessere Alternative. Warum? Reduzierst du den Signalanteil ­eines Instrumentes im Mix (Fader runter ziehen), dann reduziert sich gleichfalls der Hallanteil. Leise Instrumente regen den virtuellen Raum weniger an, als laute. Das entspricht dem Verhalten in der Natur und macht Sinn.

Hall als Insert-FX einzusetzen ist aber trotzdem sinnvoll. Gerade wenn man einen speziellen Hallsound als feste Komponente eines einzelnen Instrumentes sieht. Ich ­verhalle zum Beispiel spezielle Synthis (Drones / Arpeggios) gerne sehr extrem, bevorzugt mit schlecht klingenden Plugins und krassen Einstellungen. Da weiß ich genau, dass ich diesen Effekt nur auf diesem konkreten Kanal einsetzen werde und nutze einen Insert-Slot der DAW.

Ist übersichtlicher und simpler als via Send-Weg. Ein anderes Beispiel für so ein Szenario wäre ein Surf-Gitarrensound, der erst durch den Federhall richtig zur Geltung kommt. Nichts außer ­dieser Gitarre braucht diesen Spring-Reverb, also Insert-FX! Der Effektanteil – das Verhältnis des Hallsignals  und des Originalsignals – wird über den Mixregler eingestellt.

2. «Hall kreativ einsetzen»

Wie bei Regel 1 schon angedeutet, dient Hall nicht nur der Simulation von realen Räumen, sondern kann als kreatives Soundtool verwendet werden. Der dank Phil Collins ­bekannte Gated-Reverb wäre ein solches Element. Hierbei wird ein Signal kräftig verhallt. Die Hallfahne klingt aber nicht natürlich aus, sondern reißt durch ein Gate abrupt ab. Gerne verwendet man impulsreiche Quellen wie Drums. Passt man die Hold- / Release-Time des Gates noch dem Songtempo an, unterstützt dies den Groove zusätzlich.

Rückwärtshall ist ein weiterer origineller Studiotrick. Normalerweise startet der Hall laut und wird leiser. Bei Rückwärtshall, der in der Natur nicht vorkommt, erfolgt das umgekehrt. Nach dem eigentlichen Schallimpuls baut sich die Hallfahne immer weiter auf, bis sie, je nach Reverb Time, plötzlich abbricht – wirkt besonders eindrucksvoll, wenn die Hallfahne vor dem Originalsignal beginnt. Live bedarf es hierfür einer Zeitmaschine, da ihr zum Beispiel Gesang verhallen müsstet, bevor er gesungen wird. Im Studio kann man diesen Effekt leichter bauen. Einzelne Worte oder Drums verhallen, die Hallfahne bouncen, umdrehen und vor dem Event platzieren, fertig.

3. «Arbeite auch mit natürlichem Hall»

Überlege, wie stark dein Aufnahmeraum bedämpft werden soll und welche Mikrofonabstände sinnvoll sind. Durch viele Absorber sowie kurze Abstände klingt es trocken. Manche Instrumente (akustische Gitarren, Perkussion) haben gerne etwas Reflexion. Meine beiden Aufnahmeräume klingen bewusst unterschiedlich und bei beiden kann ich das Nachhallverhalten mittels modularer Akustikelemente variieren.

Früher im Studio selbstverständlich: Die Echochamber. Nimm dir Zeit und experimentiere mit natürlichem Hall. Ich erinnere mich an eine Bigband-Produktion: Die Aufnahmesession fand in einer Schul-Aula statt. Wir öffneten die Tür, platzierten im Treppenhaus einige Mikros (verschiedene Entfernungen) und trackten eine natürliche Hallfahne gleich mit. Alternativ kann man sein Playback in beliebigen ­Räumen durch Boxen abspielen und wieder aufnehmen. Kirchen, Klos, Öltanks, Tunnel, der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt.

Natürlich muss man mit Einschränkungen leben. Ihr könnt den Hall schwer beeinflussen. Lediglich durch Vorhänge, Mikroposition und Lautsprecherplatzierung formt ihr den Klang. Nebengeräusche werden bei professionellen Echokammern mittels Baumaßnahmen verhindert, können aber auf der anderen Seite einer Aufnahme Charme und Persönlichkeit aufstempeln.

4. «Lerne die Hall-Erzeuger kennen, die du schon hast»

Heute kommen alle DAWs und die meisten Live-Mischpulte mit internen Reverb-Effekten daher. Nehmt euch die Zeit und lernt diese genau kennen. Die Qualität ist stark angestiegen. Kauft erst gezielt nach, wenn ihr dort an die ­Grenzen stoßt.

5. «Halte deinen Mix transparent»

Egal wo – ein transparenter Mix ist immer Ziel. Oft ist man versucht, Hall exzessiv einzusetzen, irgendwie klingt es ­sofort wärmer und weicher. Bei der reinen Halldosierung gibt es allerdings  typische Fehler. Nummer 1 ist im Bassbereich zu finden. Bassinstrumente, die viel Hall bekommen, ­kosten euch Pegel und Druck. Er erschwert die harmonische ­Ortung wie auch die Abmischung und verkompliziert das Mastering. Ein Groove-Fehler sind unpassende Pre-Delay-­Zeiten. Gerade bei schnelleren Dance-Tracks ist es sinnvoll diesen Parameter passend zum Songtempo einzustellen. Merke: Es gibt Situation in denen ein einfaches Delay ­besser und transparenter als Reverb ist.

6.«Räumlichkeit ist nicht nur Hall»

Musik ohne Raum ist für uns Menschen schwer vorstellbar. Allerdings erreichst du nicht nur mit Hall ein Raumgefühl. Mit Delays, Gates, Panoramaregler und EQs gestaltest du die virtuelle Bühne für deinen Mix. Weit entfernte Signale haben weniger Höhen, diese werden durch die Luft ­gedämpft. Eine leichte (!) Reduzierung der Höhen lässt zum Beispiel Backing-Chöre nach hinten treten. Panne ­unwichtige Signale eher nach außen, packe die wichtigsten ­Elemente in die Stereomitte.

7.  «Unterscheide zwischen Bühne und Studio»

In beiden Situationen brauchst du Hall. Live hat man es aber bereits mit gegebenen Räumlichkeiten und deren ­Eigenklang zu tun. Kein Effektgerät formt aus einer halligen Kirche einen trockenen Liveclub. Alles was man als ­Techniker macht, ist ein Add-on. Selten hat man am Abend Zeit Gates oder Pre-Delays jeweils passend zum aktuellen Songtempo einzustellen. Man muss ständig Kompromisse eingehen. Live sind mir einfache Bedienung, gut ablesbare Anzeigen und sinnvolle Presets wichtiger, als tausende von Einstellmöglichkeiten. Berücksichtige diese Faktoren, wenn du deine Werkzeuge auswählst.

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