Halestorm: Kampf gegen Dämonen

Um ihr viertes Studioalbum Vicious überhaupt aufnehmen zu können, mussten Halestorm zuerst mit sich selbst ins Reine kommen. Im Interview mit SOUNDCHECK geben Frontfrau Elizabeth „Lzzy“ Hale und Gitarrist Joe Hottinger Auskunft darüber, wie sie ihre Selbstzweifel in kreative Energie umwandeln konnten.

Soundcheck: Joe, es gibt ein witziges Video auf YouTube, das den Moment zeigt, als du Lzzy mitten während eines Konzertes im Jahr 2012 darüber informierst, dass ihr gerade für den Grammy nominiert wurdet. Was das Video nicht zeigt, ist, wie um alles in der Welt du davon erfahren hast. Schaust du während eurer Konzerte auf dein Handy?
Joe: Das war so: Unser damaliger Guitar-Tech hat eine SMS von unserem Tourmanager bekommen. Zum Zeitpunkt der Show hat Lzzy gerade ein Solo-Stück am Piano gespielt. Und bevor sie überhaupt anfängt, sitzt sie für gewöhnlich da und spricht zum Publikum. Die anderen von uns sind also von der Bühne herunter. Da kommt unser Guitar-Tech zu mir und sagt „ihr seid für einen Grammy nominiert worden!”, und ich nur „Bullshit!”  Ich hab’ ihm nicht geglaubt. Also habe ich mein eigenes Handy genommen, gegoogled und dachte mir „heilige Scheiße!” Da bin ich raus gerannt um es Lzzy zu sagen, weil sie noch nicht angefangen hatte zu spielen. Es gibt ein Foto, das jemand aus dem Publikum in diesem Moment gemacht hat. Es zeigt, wie schockiert sie ist. Ihr Gesicht sieht aus, als wäre sie wieder zwölf Jahre alt. Ein unfassbar authentischer Moment. Ich liebe dieses Bild!

SC: Mit Halestorm ging es bereits vor rund 20 Jahren los. Das Debütalbum erschien jedoch erst 2009. Wieso hat das so lange gedauert?
Lzzy: Ich denke ehrlich gesagt, dass das ganz normal ist. Nach ungefähr 15 Jahren kam der Erfolg über Nacht. Das war viel Arbeit. Wir waren lange Zeit DIY-mäßig unterwegs, hatten
keinen reichen Onkel oder irgendwelches Vitamin B zur Musikindustrie. Alles was wir erreicht haben, mussten wir auf die harte und langsame Tour erarbeiten. So lief das einfach bei uns.

Soundcheck: Anfang 2017 habt ihr angefangen, am neuen Album zu arbeiten und insgesamt viel mehr Songs geschrieben, als letztlich auf der Platte sind. Woran lag das?
Joe: Uns wurde zunächst einmal die Zeit gegeben, die wir gebraucht haben. Unser A&R-Typ von Atlantic Records kam letztes Jahr in Nashville vorbei und meinte nur: “Lasst euch Zeit, ich habe keine Agenda. Lasst mich wissen, wenn ihr das Album schreibt oder wenn ihr Hilfe braucht.” Das war sehr cool. Unsere ersten drei Alben waren sehr erfolgreich und wir wussten noch nicht, was wir auf dem vierten überhaupt machen wollten. Eher was wir nicht wollten. Es sollte etwas cooles werden, das uns als Musiker und als Band voran treibt. Nicht der typische Radio-Rock, der in den Staaten grassiert und mit dem auch wir Erfolg hatten. Etwas, das uns selbst etwas herausfordert, ohne uns aber zu weit von unserem Stil zu entfernen. Anders als manche Rockbands, die auf einmal ein Pop-Album machen. Wir wollten ein Rock-Album machen, durch und durch.

SC: Klingt doch nach einem soliden Plan.
Joe: Ja, wir waren aber etwas verloren, haben an uns selbst gezweifelt. Da kam unser Produzent Nick Raskulinecz ins Spiel. Der meinte nur: „Okay, das ist meine Spezialität! Wann war denn das letzte Mal, dass ihr alle vier in einem Raum gesessen und neues Zeug gejammt habt?” In der Tat war das schon ein paar Jahre her. Also hat er gesagt „Okay auf geht’s!” Er hing dann mit uns ab und wurde so etwas wie unser fünftes Mitglied, Captain und Coach zugleich: „Wer hat ein Riff?” – „Hier, ich”, so haben wir einfach für zwei Wochen am Stück drauf los gespielt und jeden Tag geschrieben. Es lief auf einmal. Dann sind wir für fünf Wochen auf Tour gegangen, ohne irgend etwas von der neuen Musik zu hören. Als wir zurück kamen haben wir uns die Sachen angehört, manche davon überarbeitet, ein paar neue Geschrieben. Dann sind wir wieder auf Tour gegangen. Es gab also ein paar große Breaks. Und in Verbindung damit, dass wir uns viel Zeit für die Aufnahmen genommen haben, hat es im Endeffekt eben etwas gedauert.
Lzzy: Ich war nach Into The Wild Life sehr mit mir am Hadern und habe mich oft gefragt, ob ich es überhaupt noch drauf habe. Ich bin selbst mein schärfster Kritiker, also musste ich über einige innere Hürden springen. Auf diesem Album geht es darum, innere Dämonen zu besiegen. Ich denke, dass es andererseits keinen anderen Weg für mich gab, durch diese schwierige Zeit zu kommen, als darüber zu schreiben. Diese Platte war wie eine Therapie.

SC: Habt ihr die überschüssigen Songs komplett verworfen?
Joe: Nein, das sind tatsächlich alles fertige Songs. Und ich verspreche, dass unsere Fans jeden einzelnen davon auch zu hören bekommen werden. Egal ob live oder auf B-Seiten. Es ist nicht so, dass wir die Lieder nicht mögen würden. Wir haben uns nur für diese konkrete Auswahl auf dem Album entschieden.
SC: Es gibt wohl einige Easter-Eggs auf dem Album, die auf Interaktionen mit euren Fans über soziale Medien anspielen. Könnt ihr das näher erklären?


Joe: Das muss Lzzy dir beantworten! Die ist sehr aktiv auf Twitter und diesen ganzen Plattformen und interagiert dort mit den Fans.
Lzzy: Dieses Album ist eine der persönlichsten Ansammlungen von Songs, die wir bisher veröffentlicht haben. Auf den vorangegangenen Alben habe ich die Texte im ersten Entwurf immer aus einem persönlichen Blickwinkel geschrieben und diese dann noch einmal überarbeitet, um sie allgemeiner und universeller zu machen. Bei machen Songs auf Vicious habe ich die ursprünglichen Entwürfe beibehalten. Ich weiß, dass einige unserer Fans, die mir auf Social Media folgen, ihren Spaß dabei haben werden, hier und da eine Strophe oder Textzeile zu entdecken, die beinahe Eins zu Eins aus einer Social-Media-Interaktion mit ihnen entnommen ist.

SC: Ihr seid für eure ausgedehnten Touren bekannt. Schreibt ihr auch on-the-road Lieder oder sammelt zumindest Ideen?
Lzzy: Ja, ich schreibe jeden Tag irgendwas. Das ist meine Leidenschaft und zugleich eine Krankheit. Eine Art angenehmer Fluch. Über die Jahre bin ich besser darin geworden, Songs on-the-road fertig zu stellen – oder im Flugzeug. Manchmal gehe ich aufs Ganze und nehme ein Aufnahme-Rig mit. Und manchmal mache ich es wortwörtlich ganz „verkopft”, schreibe die Sachen also nur mit meiner Stimme und im Kopf. Das nehme ich dann ganz banal auf meinem Handy auf. Ich habe außerdem tonnenweise Notizbücher, in die ich Texte, Ideen für Arrangements und Teile von neuen Songs hinein schreibe.


Joe: Der Chorus zu Killing Ourselves To Live und Teile von Buzz, die auf dem Album gelandet sind, entstanden während eines Urlaubs, den Lzzy und ich nach unserer Australien-Tour 2015 genommen haben. Wir hingen eine Woche am Strand ab und hatten eine Menge Song-Ideen. Wir hatten keine Instrumente dabei und die Atmosphäre war einfach relaxed. Auf der darauffolgenden Oktober-Tour habe ich dann das Riffing und die Musik als Demo aufgenommen. Ich habe auf Tour immer einen Kemper und ein kleines Recording-Rig für solche Fälle dabei. Und wenn mir spontan ein Riff einfällt, das zu einem Song werden könnte, nehme ich es schnell auf dem Handy auf. Sonst vergesse ich es zwei Minuten später wieder und dann ist es für immer verloren (lacht). Ich habe Tausende Voice-Memos auf dem Telefon, Vocal-Ideen, Melodien, Riffs, Songtitel – und wenn wir wieder daheim sind, hole ich die heraus und fange an, daran zu arbeiten. Seit etwa zwei Jahren schreibe ich Riffs überwiegend im Kopf, bevor ich die Gitarre überhaupt anrühre. Das klappt sehr gut und wird viel ausgereifter, als wenn man irgendetwas vor sich hinspielt. Da arbeiten nur die Finger und weniger das Gehirn. Wenn ich in der Zeit zurück reisen könnte, würde ich meinem 13-jährigen Ich sagen: „Schreib in deinem Kopf!” Dann wäre ich schon viel früher viel weiter gekommen. Aber man lernt nie aus und besser spät als nie.

SC: Fällt es dir leicht, die Melodien aus deinem Kopf am Instrument umzusetzen?
Joe: Das muss ich natürlich herauskriegen. Die Gitarre hat viele verschiedene Oktaven. Also probiere ich einfach ­etwas herum, probiere verschiedene Optionen aus und ­sehe dann, was am besten klingt: der passende Bund, auf welchen Saiten ich die Noten am besten Spiele und all das. Das ist eine Herangehensweise an die Musik, die mir Spaß macht.

SC: Lasst uns etwas über das Technische sprechen. Erzählt doch mal, welche Instrumente, Amps und Boxen ihr für das Album verwendet habt.
Lzzy: Wir haben das Glück, über die Jahre fantastisches Gear angesammelt zu haben. Davon haben wir eigentlich das Meiste auch hergenommen. Nicks Studio war aber auch voller großartiger Spielsachen. Das war wie im Süßwarenladen! Ich habe über meinen Marshall JCM 800 und einen Marshall Jubilee 25x50 von Nick gespielt. Als er herausgefunden hat, dass ich einen Randy Rhoads 100-Watt-Marshall habe, ließ er mich den mitbringen und wir haben alles aus dem Teil rausgeholt! Ich habe alle meine Gibson- Gitarren gespielt, meine Signature Explore, dann habe ich eine Firebird die der Knaller war, ein paar Bariton-Gitarren und Nick hatte eine unfassbar klingende Les Paul Custom, die jetzt voll von meinem Schweiß ist. Wir haben auch ein paar Synthies verwendet, Moog, Mellotron und Piano. Plus eine Kombination aus über 60 Pedals.
Joe: Ich habe in den letzten fünf Jahren etwa 15 bis 20 neue Gitarren bekommen. Seit etwa zwei bis drei Jahren spiele ich über einen alten 1971er Marshall Super Lead in rotem Tolex. Das Teil klingt irre. Damit gehe ich in ein Custom-Shop Bogner Cabinet, in dem zwei Celestion Vintage 30 und zwei Greenbacks stecken. Meine Dirty-Sounds lasse ich darüber knallen. Dann habe ich eine 68er Re-Issue Twin-Reverb Combo für Clean-Sounds.

SC: Wie sieht das ganze Live aus? Spielt ihr da ein ähnliches Setup oder greift ihr eher auf Kemper zurück?
Lzzy: Wir haben einige Kemper-Effekte für Clean-Tones auf dem Album verwendet, aber keiner von uns nimmt die live her. Wir haben herumexperimentiert und es ist unserer Meinung nach nicht dasselbe. Wir lieben es, unsere Amps aufzudrehen! Das ist mitunter ein Grund, warum wir angefangen haben, Gitarre zu spielen und es macht live einfach mehr Spaß mit echten, lauten Amps!
Joe: Kemper sind die effizienteste Möglichkeit, um eine Rock-Show zu spielen. Aber ich liebe es nun einmal, den alten Marshall aufzudrehen. Und zwar bis zum Anschlag! Das ist sogar lauter als die PA, also muss ich das Rig umdrehen um Phasenauslöschungen zu vermeiden. Aber ich mag es nunmal so laut. Das ist eine persönliche Präferenz. 2013 oder 2015 habe ich mir selbst ein MIDI-Rack gebaut. Die ganze Verkabelung und alles habe ich selbst zusammengelötet. Insgesamt waren das über 100 Kabel. Ich habe nicht großartig herumgefragt, sondern bin einfach ins kalte Wasser gesprungen. Eines der Kabel habe ich falsch gelötet, also musste ich nochmal von vorne anfangen. Eines kann ich dir sagen: So ein Fehler passiert mir kein zweites Mal (lacht). Das Rack steckt voller RJM-Gear: Zwei RJM Effect Gizmos, zwei RJM Masterminds wovon einer für Backstage und einer für die Bühne ist. Insgesamt sind 22 Pedale in dem Rack, die zwischen den beiden Amps umschalten können. Das sind echt viele Pedale, ziemlich albern eigentlich (lacht). Und noch etwas: ich gehe vom MIDI-Out aus dem Eventide H9 in den Effect Gizmo. Dadurch kann ich rund 100 extra Sounds hinzufügen. Die benutze ich nicht alle. Allerdings habe ich dadurch eben eine große Vielfalt an Optionen. Wenn man so viele Pedale normal in ein Pedalboard ­stecken würde, hätte man derart viele Kabel, dass jede ­Menge Signalfluss verloren ginge. An dieser Stelle macht sich das MIDI-Rack bezahlt. Ich bringe die Pedale nur ins Signal, wenn ich sie benutze und ansonsten geht das Signal direkt in den Amp. Das ist ideal!

SC: Was würdet ihr sagen sind die Vor- und Nachteile im Vergleich zu solch einem klassischen Setup?
Lzzy: Kemper sind extrem nutzvoll, wenn es um Demos und Aufnahme geht, weil es so einfach ist, zwischen einer Menge Sounds zu wechseln. Der Nachteil ist, dass man live einfach nicht dasselbe Feeling bekommt. Für uns lässt sich das nicht mit einem echten Amp für eine Live-Performance vergleichen.
Ludwig Gengnagel